Die Spätromantik.
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und Erhaltung eines bestimmten Organismus bis zu dessen
Zerfall zu sichern habe.
Klar ist dabei, daß dieser Begriff des Vitalismus der viel⸗
fachsten Deutungen und auch mannigfachen Mißbrauches fähig
war. Aus ihm ist einerseits durch Samuel Hahnemaunn (1753
bis 1848) seit Ende des 18. Jahrhunderts die Homöopathie
entwickelt worden; 1822 wurde das „Archiv für die homöo—
pathische Heilkunst“, 1829 in Leipzig der „Allgemeine homöo—
pathische Verein“ begründet. Andererseits ging aus ihm der
Mesmerismus hervor. Mesmer, 1734 geboren, hatte 1766
eine Schrift De intsuxu planetarum in corpus humanum
geschrieben, die in mehr als einer Hinsicht an sonst schon ver⸗
gangene Zeiten religiösen Aberglaubens und medizinischen
Wahnes erinnerte. Im Jahr 1818 ist er zu Meersburg am
Bodensee, auf dessen Friedhof ein wunderliches Grabmal an
ihn erinnert, gestorben. Seit Ende der siebziger Jahre des
18. Jahrhunderts hatte er in Paris magnetische Kuren be—
gonnen, indem er, ähnlich wie schon einmal Paracelsus, Kranke
mit Magneten in den Händen berührte; später, als er Heilungen
auch durch bloßes Streichen ohne Magnet erzielte, hielt er die
in ihnen ausgewirkte Kraft für einen von ihm selbst her⸗
rührenden animalischen Magnetismus. Er ist kein eigentlicher
Betrüger gewesen; auch in Deutschland erfreute er sich nicht
geringen Anklanges, so bei Lavater, bei dem Theosophen von
Baader, ja auch bei Ennemoser und Nasse, beides nicht un—
bedeutenden Medizinern: ein später Anhänger von ihm endlich
war noch Justinus Kerner mit seiner Seherin von Prevorst!.
Verführte so der Vitalismus, wie er zunächst im Zu—
sammenhange mit medizinischen Studien, also mit Unter—
suchungen über den Menschen, entwickelt wurde, eben wegen
dieses Zusammenhanges leicht zu allerlei spiritualistischen Ex—
zessen, die zudem durch die mystische Gesamthaltung der Früh—
, Blätter aus Prevorst, Originalien und Lesefrüchte für das innere
Leben“, 1831 51839; „Magicon. Archiv für Betrachtungen aus dem Gebiet
der Geisterkunde und des magnetischen und magischen Lebens“, 1840 -1853.
S. dazu oben S. 183.