I.
Die Kriegswirtschaftslehre als Sonderdisziplin.
(1913.)
Wenn wir die üblichen volkswirtschaftlichen Nachschlagewerke des letzten
Jahrzehnts durchblättern, wie das Wörterbuch der Volkswirtschaft oder das Hand
wörterbuch der Staatswissenschaften, so suchen wir vergeblich Artikel, welche
den Krieg, sowie ■ die mit ihm zusammenhängenden Erscheinungen behandeln.
Nicht besser geht es uns, wenn wir die verbreiteten Hand- und Lehrbücher
auf schlagen ; kaum, daß gelegentlich der Krieg flüchtig erwähnt wird. Während
sonst soziale Gesichtspunkte allgemeinster Art auch bei recht speziellen kommer
ziellen Fragen nichts Seltenes sind, wird der Krieg auffallend stark vernachlässigt,
ganz gleichgültig, ob es sich um Erscheinungen handelt, welche den Krieg modi
fizieren oder durch ihn modifiziert werden. Ferner kann man z. B. ausführliche Be
trachtungen über das Eisenbahnwesen in die Hand bekommen, in denen sich aus
führliche Abstecher ins Technische finden, welche das eben vorliegende Problem
der Versorgung gewisser Gebiete mit Gütern nur wenig fördern, während der Tat
sache keine Erwähnung geschieht, daß sehr viele Bahnlinien, und gerade sehr
wichtige, welche Kontinente durchqueren, unter erheblicher Berücksichtigung mili
tärischer Momente erbaut werden, ja daß manche ausschließlich militärischen Er
wägungen ihren Ursprung verdanken. Es dürfte aber nicht mehr lange dauern, und
die umfassende Darstellung des Weltverkehrsystems wird neben den kommerziellen
Momenten, welche die Richtung bestimmter Verbindungen bedingen, auch die
militärischen erwähnen, um ein vollständiges Bild zu schaffen. Aber nicht nur
solche mehr mittelbare Beziehungen zwischen Krieg und Güterverkehr werden
vernachlässigt, man beschäftigt sich auch nicht in systematischer Weise mit
den Wirkungen des Krieges auf den Handel, die Industrie, das Bankwesen, und
selbst die soziologische Literatur pflegt mehr oder weniger einseitig zu verfahren.
Die in der letzten Zeit erschienenen Schnften über einzelne finanzielle Fragen,
über die Wirkungen des Krieges auf die Industrie, den Ackerbau, den Handel
einzelner Länder, über den Zusammenhang zwischen den Produktionsformen,
welche durch Krieg einerseits, den Frieden andererseits bedingt werden, sind
zweifellos wertvollste Forschungsergebnisse, sie ersetzen aber nicht eine syste
matische Untersuchung des gesamten spezifischen Komplexes.^) Wären wir in
der Volkswirtschaftslehre so weit fortgeschritten, daß wir ganz allgemein alle
möglichen Wirtschaftsformen studierten, uns die Frage stellten, wie sich gegebene
Fornien verändern, wenn dauernd bestimmte Regeln gelten, wie hingegen, wenn
eine Regeländerung eintritt, dann benötigten wir keine eigene Theorie
für den Krieg, da dieselbe als Spezialfall schon vorgesehen wäre. So aber ent
fernen wir uns im allgemeinen nur wenig von den Vorgefundenen Kombinationen
und wagen es nur sdten, empirisch gewonnenes Material zu neuen Formen zu
verbinden, wie dies etwa Physiker und Chemiker heute planmäßig tun.«) Es
ist daher dem jetzigen Stadium der Volkswirtschaftslehre angemessen, wenn man
^er Literatur seien etwa genannt: J. Rieß er. Finanzielle
Kriegführung. 2. Aufl. Jena 1913. A. Jöhr, Die Volks-
im Kriegsfall. 2. Aufl. Zürich. 1913. W. Sombart
5. München und Leipzig 1913. '
Í eu rath, Nationalökonomie und Wertlehre, Zeitschr
Verwalt. XX, S. 53, 67, 83.
1) Als Beispiele di(
f. Volksw., Sozialpol. u,
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