bewußter Weise den Einfluß des Krieges auf die Entwicklung der Industrienj,
wobei er voll Verständnis immer darauf achtete, ob ein Krieg belebend oder
lähmend wirkte.^) Höheren Ansprüchen in bezug auf systematische und theore
tische Durchdringung genügt von den Genannten eigentlich nur Lowe. Was
Lowe in seinem Werke skizzenhaft für ein konkretes Land zu leisten versuchte,
läßt sich aber auch in weit allgemeinerer Form selbst mit den heute zur Ver
fügung stehenden Mitteln darstellen. Es würde auf diese Weise eine Sonder
disziplin mit einer eigenen Theorie entstehen. Ich möchte für sie den
Namen „Kriegswirtschaftslehre“ in Vorschlag bringen.»)
Die schon erwähnten Einzeluntersuchungen wären als kriegswirtschaftliche Spezial
arbeiten zu bezeichnen.
Die augenblickliche Situation ist für die Entfaltung dieser Disziplin überaus
günstig. Eine Reihe kurz aufeinanderfolgender Kriege hat bedeutsames empi
risches Material geliefert, der spanisch-amerikanische Krieg, der Burenkrieg,
der russisch-japanische Krieg, der italienisch-türkische Krieg, der Balkankrieg.®)
Gleichzeitig ist aber auch der Sinn für allgemeinere theoretische Zusammen
fassungen gewachsen, so daß auch systematische Leistungen zu erhoffen
sind ; Einzelarbeiten sind immer nach Kriegen veröffentlicht worden, nach den
Kriegen Friedrichs des Großen i®) ebenso, wie nach dem deutsch-französischen
Krieg,ii) um zwei Zeitalter zu nennen, in denen die Neigung zu allgemeineren
theoretischen Erörterungen weniger häufig war. In zusammenfassenden Werken
der siebziger Jahre sucht man vergebens bedeutende kriegswirtschaftliche Ideen.
Auch der geistreiche Lorenz von Steini®) weiß nicht mehr zu sagen als
andere Autoren jener Zeit.i») Wenn Probleme angeschnitten werden, die mit
dem Krieg Zusammenhängen, sind sie vorwiegend soziologischer Art und berühren
weniger die Struktur des Marktverkehrs, die dadurch veränderte Höhe des
Realeinkommens und verwandte Probleme, welche das eigentliche Objekt der
Kriegswirtschaftslehre ausmachen. Insbesondere der Balkankrieg rollt eine Reihe
bedeutsamer internationaler Fragen auf. Alle Staaten Europas sind an seinem
Ausgang interessiert und handeln unter dem Druck eines drohenden Welt
krieges. Es gab eine Fülle bemerkenswerter Tatsachen auf dem internationalen
Anleihemarkt zu beobachten, ebenso auf dem Warenmarkt. Das Moratorium
in den Balkanstaaten und die Absperrung der Transportwege wirkte auch auf
die unbeteiligten Mächte. Man sieht sich mehr als sonst veranlaßt, darüber
nachzudenken, was für Veränderungen ein Weltkrieg erzeugen würde, der
Gustav V. Gülich, Geschichtliche Darstellung des Handels, des
Gewerbes und des Ackerbaues der bedeutendsten handeltreibenden Staaten un
serer Zeit, 5 Bde. Jena 1830—1845. Die starke Anregung, welche gerade die
napoleonischen Kriege in kriegswirtschaftlicher Hinsicht gewährten, läßt deutlich
das Werk von A. v. Peez und P. Dehn erkennen: Englands Vorherrschaft aus
der Zeit der Kontinentalsperre. Leipzig 1912.
8) Vgl. Otto Neurath, Die Kriegswirtschaft. Jahresber. d. Neuen
Wiener Handelsakad. 1910, Wien.
®) Vgl. z. B. Karl Helfferich, Das Geld im russisch-japanischen
Krieg, Berlin 1906. W. Hilsenbeck, Die Deckung der Kosten des Krieges
in Südafrika, Stuttgart 1904. Otto Neurath, Die ökonomischen Wirkungen
des Balkankrieges auf Serbien und Bulgarien, Jahrb. d. Gesellsch. österr. Volks
wirte 1913.
10) Struensee, Über die Mittel eines Staates, bei außerordentlichen Be
dürfnissen, besonders in Kriegszeiten, Geld zu erhalten, vgl. Abhandl., Bd. I.
Berlin 1800.
i- V. H i r s c h f e 1 d , Die Finanzen Frankreichs nach dem Kriege von
1870/71. Berlin 1875; sowie die ganze Literatur über die Wirkungen der Kriegs
entschädigung.
12) L. V. Stein, Die Lehre vom Heerwesen. Stuttgart 1872, S. 18f.
13) Vgl. z. B. Fr. Xav. Neurnann, Volkswirtschaftslehre, mit besonderer
Anwendung auf Heerwesen und Militärverwaltung. Wien 1873, 2 Bde. Der
'Verfasser war auch an der Kriegsschule und am Intendanzkurs als Lehrer tätig.