134 llüSSLANI). — Sociale, Gewerbs- und Ilandelsverhältnis.se.
Beamtenthmn und Adel. Zu einer eigenen Kaste hat sich das Beam
tenthum ausgebildet. Den Provinzen, in denen sie verwendet werden,
meistens nicht angehörend, bleiben die Angestellten schon wegen ihrer
(in der Regel blos übertünchten) Bildung dem Volke völlig fremd, und
wegen ihrer Aufgabe an sich, noch weit mehr aber wegen häufig vor
kommender Feilheit und Bestechlichkeit, demselben tödtlich verhasst.
Daher kommt es, dass die Anordnungen von oben in der Regel einem
eigenthümlichen passiven Widerstande im Volke begegnen und nur
höchst selten von diesem gefördert werden. — Beamtenhierarchie und
Adel haben sich verschwistert. In keinem Lande findet man grössere
Gegensätze von Abgeschliffenheit und Uncultur. Jene Abgeschliffenheit
hat aber für die Nation meist nichts Anderes, als die Kunst grösserer
Erpressungen und Bedrückungen, sonach fast nur Laster hervorgebracht.
»Zu jämmerlich, um als Fortschritt in der Bildung gelten zu können,
war sie hinreichend, um alles Edle und Nationale im Innern des Men
schen zu zerstören . . . Jeder, der sich diese Abglättung erworben, trat
in den Staatsdienst und erwarb sich dadurch den Adel, und da alles äus
sere Ansehen, wie alle reelle Macht sich in dieser gefährlichen Beamten
hierarchie concentrirto, ausser ihr keine Ehre, keine Macht zu erwerben
war, ja man nicht einmal ausserhalb ihres Kreises dem Kaiser und dem
Vater lande zu dienen vermochte, so trat Alles, was selbst zum alten Adel
gehörte. in die Reihen der Beamten und ward mehr oder weniger von
dem hier herrschenden Geiste der Verdorbenheit angesteckt. — So ist
es denn gekommen, dass der Adel in Russland zu einem Volke ange
schwollen ist ; zu einem Volke der Herren, im Gegensätze zu dem alt-
russ. Volke der Knechte, durch eine fremde Bildung, durch fremde
Lebensanschauungen ^ durch fremde Sitten und Kleidung von diesem
Volke getrennt, und nur durch Religion und Sprache mit ihm vereinigt.«
(So spricht selbst Haxthausen, der Bewunderer Russlands.)
Volksbildung. Die Volksbildung ward früher mehr gehemmt als be
fördert. Es war Grundsatz, dass der Leibeigene nicht zu viel lernen
dürfe. Nach den amtl. »statist. Tabellen des russ. Reiches« zählte man
1850 (mit Einschluss des Kaukasus und Ssibiriens) 8227 Schulen und
450,002 Schüler. Es kam also 1 Schüler auf 143 Einwohner, während
Einer in Oesterreich auf 14 Einw. gerechnet wurde, in Frankreich 1 auf
11, in Grossbritanien auf 9, in Preussen (und dem grössten Theile von
Deutschland) schon auf 0,7. — Der Etat des gesammten Unterrichtsmi
nisteriums belief sich 1857 nur auf 2,9 (jetzt 0,1) Mill. Die emancipirten
Bauern sollen bereits viel für Verbesserung des Schulwesens gethan
haben. — Die 0 russ. Universitäten zählten Ende 1803 4901 Stu
denten, ungerechnet die blosen Auditoren (Moskau 1892, Charkow 703,
St. Petersburg 072, Kiew 04 7, Dorpat 508, Kasan 419).
Presse. Im J. 1855 erschienen in Russland 1240, im J. 1857
1425 und 1858 15// Originalschriften, ferner im letztgenannten Jahre
284 Uebersetzungen und 105 periodische Schriften, sodann 550 Bücher
und Broschüren in Polen. Eingeführt wurden in jenen drei Jahren
1 191,745, dann 1 013,802 und 1 014,874 Bände oder Hefte, ferner
173,857 in Polen: 1855 wurden 1 1,000 nicht eingelassen. — Die Zahl
der Zeitungen, 1858 109, neben 95 Zeitschriften, stieg 1800 auf 142