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Sechstes Buch. Zweites Kapitel.
typischen Erfassung der neuen Lehre an seit der Schlußzeit des
Stammeslebens. Erst im Laufe der Zeit treten dann noch neue
Züge in dem Bilde mittelalterlicher Frömmigkeit hervor: die
Kontemplation, die innere Vision, die Selbstzucht der Mystik!.
Noch Bruder Berhtold warnt in einer seiner Predigten:
wie man nicht in den Glanz der Sonne schauen könne, ohne
zu erblinden, so solle man nicht den Geheimnissen des Christen—
glaubens nachtrachten: wan ez ist den hohen meistern genuoe.
Was hier dem Laien des 13. Jahrhunderts geraten wird, das
war noch allgemeine, notwendige Lebensforderung im 10. Jahr⸗
hundert. Das Zeitalter der Ottonen philosophierte noch nicht,
am wenigsten religiöss; dem glänzend begabten Abt Johann
von Gorze machten schon die dialecticae rationes in Augustins
Trinitätslehre eitel Bedenken. Die vernunftgemäße Erfassung
der christlichen Wahrheiten, zu der man sich seit dem Ende des
11. Jahrhunderts in gewissen Kreisen berufen glaubte, liegt
dem 10. Jahrhundert auch in Frankreich noch, um wie viel
mehr in Deutschland, völlig fern; es herrscht ein greifbarer,
unvermittelter Supranaturalismus, der sich den christlichen
Wahrheiten allein durch gläubiges Schauen im Geiste nähert.
Die philosophische Betrachtungsweise an sich war nicht un—
bekannt: die Vergangenheit bot sie dar: aber sie wurde abgelehnt.
So in der Abendmahlslehre. Hier gilt Wein und Brot als
wahrhafter Leib Christi, wie der Lehm, woraus Adam gebildet,
im Menschen wahrhaftige Leibessubstanz geworden ist: im
eucharistischen Genusse wird eine völlig reale Vereinigung des
Menschen mit Gott erzielt.
Soweit sich aber das nationale Denken an die christlichen
Geheimnisse tastend wagte, durchdrang es sie mit dem altüber—
lieferten, sußen Schauer symbolischer Vorstellungen. Und diese
blieben sogar noch in den äußerlichsten Beziehungen der Lehre
stecken: so errichtet Otloh von St. Emmeram in seinem Liber
de tribus quaestionibus (c. 1055) ein ganzes Gebäude mystisch⸗
biblischer Zahlentheorie, indem er in Dreiheit und Einheit die
S. unten S. 359 ff.