8 15. Die sozialistische Gesellschaft. v3
sämtliche materielle Produktionsmittel Eigentum der Gesellschaft sind,
wo aber noch Freiheit der Arbeit und der Konsumtion in dem für die
Tauschwirtschaft wesentlichen Umfang besteht. Zwar deckt diese
Begriffsbestimmung natürlich nicht alle Wirtschaftsordnungen, die als
„Sozialistisch‘‘ ausgegeben werden. Aber die so definierte sozialistische
Wirtschaft ist die theoretisch einfachste und stellt einen reinen Typus
dar, während die übrigen als wechselnde, zum Teil auch ziemlich un-
bestimmte Zwischenformen zwischen diesem und einer Wirtschafts-
ordnung, die wie unsere tatsächlich bestehende die Produktion einer
Menge verschiedener ihre eigenen Interessen verfolgenden wirtschaft-
lichen Einheiten überläßt, aufzufassen sind.
Das Studium der Preisbildung in einer typisch sozialistischen Wirt-
schaftsordnung ist aus mehreren Gesichtspunkten für die theoretische
Ökonomie nützlich und fruchtbar. Erstens zeigt sich dabei mit vollen-
deter Schärfe, wie wenig die sogenannte freie Konkurrenz eine theore-
tisch notwendige Bedingung der Verwirklichung des Kostenprinzips ist,
und welche allgemeine Bedeutung für die Tauschwirtschaft das Kosten-
prinzip besitzt. Zweitens ist das Studium der Preisbildung in der
sozialistischen Wirtschaftsordnung aus dem Grunde vorteilhaft, weil die
sozialistische Wirtschaftsordnung gewissermaßen als die theoretisch ein-
fachste betrachtet werden kann, und weildeshalb manche Erscheinungen
der Tauschwirtschaft, die in der tatsächlich bestehenden Form dieser
Wirtschaftsordnung ziemlich kompliziert sind, in der sozialistischen
Wirtschaftsordnung leichter überblickt und in ihrem richtigen Zu-
sammenhang aufgefaßt werden können. Drittens ermöglicht ein Ver-
gleich der bestehenden Wirtschaftsordnung mit der sozialistischen Wirt-
schaftsordnung die tatsächlichen wirtschaftlichen Vorgänge und Ein-
richtungen auf ihre Notwendigkeit zu prüfen. Viertens ist das Studium
der Preisbildung in der typischen sozialistischen Wirtschaftsordnung
insofern von Bedeutung, als es uns erlaubt, die unrichtigen Vorstellungen
über den möglichen Inhalt einer sozialistischen Wirtschaftsordnung,
welche in einer ungezügelten Phantasie und in der politischen Rede-
kunst eine so überaus reichliche Nahrung gefunden haben, zu be-
richtigen.
Es soll hier nicht auf die praktische Möglichkeit, eine sozialistische
Wirtschaftsordnung zu verwirklichen, noch weniger natürlich auf das
Wünschenswerte einer solchen eingegangen werden. Wir haben es
lediglich mit der Preisbildung und der davon abhängigen Verteilung
der Produktivkräfte auf die verschiedenen Produktionszweige in einer
theoretisch gedachten typisch sozialistischen Wirtschaftsordnung zu tun,
Wie haben wir uns nun eine solche Wirtschaftsord nung vorzustellen ?
Die kollektiven Bedürfnisse müssen natürlich, in ähnlicher Weise wie
dies in der bestehenden Wirtschaftsordnung geschieht, von der sozia-
listischen Gesellschaft selbst durch bestimmte Organe kollektiv be-
Cassel, Theoret. Sozialökonomie, 4. Aufl,
al;
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