Full text: Theoretische Sozialökonomie

$ 24. Die Nachfrage nach Kapitaldisposition. 201 
die wichtigsten sind, wird’ dabei nach den allgemeinen Regeln der 
Tauschwirtschaft "entschieden: die wichtigsten sind die zahlungskräf- 
tigsten, d. h. in diesem Falle diejenigen, die den höchsten Zinssatz 
tragen können. Ohne eine solche Regulierung der Nachfrage würde 
die ganze Volkswirtschaft in eine völlig unhaltbare Lage kommen. Nach 
einer solchen Errungenschaft der Technik wie der elektrischen Straßen- 
bahn wollen natürlich alle Städte der Welt möglichst schnell in den Be- 
sitz dieser neuen Bequemlichkeit gelangen. Ein Versuch, solche Forde- 
rungen auch nur einigermaßen gleichzeitig und vollständig zu befrie- 
digen, würde die Produktivkräfte in ganz unverhältnismäßigem Grade 
für diese Nachfrage in Anspruch nehmen und die Gesamtwirtschaft 
in vollständige Unordnung bringen. Dies läßt sich in der Tausch- 
wirtschaft nur durch ein Hinaufschrauben des Zinsfußes, wodurch die 
Nutzungen des betrachteten dauerhaften Gutes erheblich verteuert 
werden, verhindern. 
Wenn wir die Nachfrage nach Kapitaldisposition näher studieren 
wollen, haben wir die verschiedenen äußeren Faktoren, die auf diese 
Nachfrage einen Einfluß ausüben, zu untersuchen. Andererseits müssen 
wir aber auch beachten, daß die Nachfrage eine Funktion des Preises, 
also des Zinsfußes ist. Wir können uns nicht mit einer Untersuchung 
der Nachfrage bei einer bestimmten Höhe des Zinsfußes begnügen, 
wir müssen vielmehr die Nachfrage in ihrer Abhängigkeit von dem 
Wechsel des Zinsfußes zum Gegenstand unserer Untersuchung machen, 
Die Nachfrage selbst ist, wie wir gefunden haben (8 11 u. 16), kein 
gegebener Bestimmungsgrund der Preisbildung. Die wirklichen Be- 
stimmungsgründe müssen in der Art, in der die Nachfrage vom Preis 
abhängt, gesucht werden. 
- Unter den äußeren Faktoren, die die Nachfrage nach Kapital- 
disposition beeinflussen, ist zuerst der Bevölkerungszuwachs zu nennen. 
Soll sich überhaupt der Zuwachs der Bevölkerung ohne Verschlechte- 
rung ihrer wirtschaftlichen Lage vollziehen, so muß offenbar die Masse 
der dauerhaften Güter in demselben Tempo wie die Bevölkerung 
vermehrt werden. Jede neu hinzukommende Familie braucht eine neue 
Wohnung mit Straßen, Zufuhr und Abfuhr von Wasser, Beleuchtungs- 
anlagen usw. Die Volksvermehrung erfordert aber auch eine ent- 
sprechende Vermehrung der landwirtschaftlichen Gebäude und Anlagen, 
der Fabriken, Transportanstalten usw. In der gleichmäßig fort- 
schreitenden Wirtschaft muß (8 6) eine stetige Kapitalbildung statt- 
finden. Die Wirtschaft kann nicht ihr ganzes Einkommen verbrauchen, 
sie muß einen bestimmten Teil desselben zur Vermehrung des Real- 
kapitals verwenden. Die Bevölkerungsvermehrung stellt also an sich 
Ansprüche auf Kapitaldisposition. Eine Wirtschaft mit steigender Be- 
völkerung hat schon durch diesen Bewegungszustand einen stärkeren 
Bedarf an Kapitaldisposition als eine im übrigen gleiche Wirtschaft mit 
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