22 Kap. VI. Der Kapitalzins.
sicher nur bei einem Zinsfuß möglich, den die heutige Menschheit als
außerordentlich hoch betrachten würde.
Nachdem wir in dieser Weise die Stellung des Zinses im Preisbildungsprozeß
festgestellt haben, ist es verhältnismäßig leicht, die
Wirkungen, welche verschiedene äußere Faktoren auf den Zinsfuß
ausüben, zu überblicken.
Mit der Entwicklung zu höherer Kultur machen sich gewisse Tendenzen
geltend, die in der Richtung einer Verstärkung des Angebots
von Kapitaldisposition gehen. Dahin gehört vor allem die wachsende
Sicherheit des Lebens und des Eigentums, die besonders unter der
neueren staatlichen Entwicklung stark hervortritt und die natürlich
die Fürsorge für die Zukunft sehr befördert. Für diese Fürsorge ist
aber auch die ganze ökonomische Entwicklung von Bedeutung gewesen.
Das dauerhafte Wohnhaus und der Ackerbau haben wohl das
größte Verdienst an der ersten Erziehung des Menschen zu wirtschaftlicher
Voraussicht und Planmäßigkeit. Das Hereinziehen der Zukunft
in die wirtschaftlichen Berechnungen der Gegenwart ist später durch
die stets wachsende Bedeutung der dauerhaften Güter in der menschlichen
Wirtschaft befördert worden. In derselben Richtung wirkt die
Verlängerung der Lebensdauer, die besonders dem neueren Fortschritt
der Hygiene zu verdanken ist. Wer damit rechnet, daß er noch 30 Jahre
leben kann, muß in ganz anderer Weise als derjenige, der wahrscheinlich
etwa nur auf 10 bis 15 Jahre rechnen kann, willig sein, für seine künftige
Versorgung etwas von den jetzigen Bedürfnissen zu opfern.
Gleichzeitig mit dieser das Angebot von Kapitaldisposition verstärkenden
Entwicklung findet aber auch eine stetige Steigerung der
Ansprüche auf Kapitaldisposition für Ausnutzung dauerhafter Güter
statt. Die Quellen dieser Ansprüche sind im vorhergehenden ausführlich
dargestellt. Diese Ansprüche auf Kapitaldisposition sind immer
mit solcher Stärke gewachsen, daß sie zu keiner Zeit haben völlig befriedigt
werden können. Eine Knappheit der Kapitaldisposition hat
immer bestanden und einen Zins notwendig gemacht.
Ein Vergleich der Entwicklung des Angebots und der Nachfrage
von Kapitaldisposition stellt außer Zweifel, daß die erste weit stetiger
gewesen ist als die zweite. Die Umbildung der wirtschaftlichen Gewohnheiten
der Menschen, ihre Erziehung zu größerer Rücksicht auf
die Zukunft, ist notwendig ein langsamer Prozeß, der, obwohl er auch
zu gewissen Zeiten — ganz besonders, wie wir nunmehr wissen, in
einer Inflationsperiode! — Rückschlägen ausgesetzt gewesen ist, doch im
ganzen ziemlich stetig verläuft. Die Nachfrage nach Kapitaldisposition
steigert sich dagegen meistens sprunghaft, um dann für eine Zeit wieder
etwas nachzulassen. Die Steigerungen werden eben wesentlich von
solchen zufälligen Umständen wie Erfindungen, Fortschritten auf dem
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