ZU) Kap. VI. Der Kapitalzins.
Kapitaldisposition gewaltig steigern, andererseits das Angebot derselben
wesentlich. vermindern. Diese entgegenwirkenden Tendenzen, die beide
bei einem niedrigen Zinsfuß sehr stark sind, müssen das Sinken des
Zinsfußes sehr bald hemmen. Denken wir uns nur für einen Augen-
blick, daß‘ ein Zinsfuß von 21% in der ganzen Welt für eine längere
Zeit bestände. Unsere Untersuchungen lassen keinen Zweifel übrig,
daß ein solcher Zinsfuß ganz enorme Ansprüche auf Kapitaldisposition
für sehr kostbare Anlagen und Bauten aller Art erwecken würde, gleich-
falls aber, daß er einen Kapitalverbrauch der kleineren und mittleren
Kapitalisten in großem Umfang hervorrufen würde. Man braucht
nicht lange über diese Verhältnisse nachzudenken, um klar einzusehen,
daß die entgegenwirkenden Tendenzen, die durch eine Zinshöhe wie
die genannte hervorgerufen werden würden, eine solche Kraft besitzen,
daß die fortdauernde Aufrechterhaltung des angenommenen Zinsfußes
yollständig unmöglich erscheint.
Am Ende des letzten Jahrhunderts haben verschiedene Umstände
darauf hingewirkt, den Zinsfuß ziemlich stark herabzudrücken. Der Tief-
punkt wurde Mitte der neunziger Jahre erreicht. Daß diese temporäre
Bewegung in der allgemeinen Volksmeinung die Vorstellung erweckte,
der Zinsfuß hätte eine natürliche Tendenz zum Sinken, ist kaum zu
verwundern. Daß aber diese Vorstellung auch von der nationalökono-
mischen Wissenschaft aufgenommen und von den namhaftesten Ver-
tretern der Wissenschaft als Ergebnis der Forschung hingestellt wurde,
das gereicht wahrlich der ökonomischen Wissenschaft nicht zu beson-
derer Ehre. Relativ vorsichtig drückt sich Schmoller aus, wenn er
als „nicht undenkbar“ hinstellt, „daß der Zinsfuß, wie er im 18. Jahr-
hundert auf 3, im 19. auf 234 und 2%, fiel, so im 20. Jahrhundert unter 2,
ja bis auf 1!/,% sinkt‘1). Dieser Schluß, daß, weil eine Bewegung statt-
gefunden hat, sie wahrscheinlich auch in derselben Richtung fortgehen
wird, ist wissenschaftlich wahrlich nicht begründet. Es ist auch kein
Grund dafür angegeben, warum der Bewegung eben bei einem Zinsfuß von
11/,% eine Grenze gesetzt wird. Unsere Analyse hat im Gegensatz zu
solchen Vermutungen gezeigt, daß alle Wahrscheinlichkeit entschieden
gegen die Annahme spricht, daß ein Zinsfuß von 1!/,% erreicht werden
könnte. Ehe man eine solche Entwicklung als wahrscheinlich bezeichnet,
sollte man sich doch klar machen, wie ein Zustand aufrechterhalten
werden könnte, bei dem die Besitzer des weitaus größten Teils des ge-
samten Vermögens durch Kapitalverbrauch ihr Einkommen mehr als
verdreifachen, meistens sogar in noch stärkerem Grade vermehren
könnten, und wo gleichzeitig die Begrenzung, die die heutigen Zinssätze
der Nachfrage nach dauerhaften Gütern und den Ansprüchen der Technik
setzen, n hohem Grade abgeschwächt wäre. Natürlich kann man nicht
behaupten, daß ein Zinsfuß von 1!,% absolut unmöglich ist. Was be-
1) Grundriß II. Teil, p. 208.
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