Full text: Theoretische Sozialökonomie

$ 28. Die Entwicklung der Rententheorie, 241 
dehnung der Anbaufläche in fremden Weltteilen, sogar unter wesent- 
licher Verbilligung der Grenzproduktionskosten und darauffolgende 
starker Herabdrückung der europäischen Bodenrenten ermöglicht. 
Ähnliches gilt von der von Ricardo angenommenen Steigerung, 
der Grenzproduktionskosten bei steigendem Aufwand von Kapital und 
Arbeit auf einer gegebenen Fläche. Eine solche Steigerung muß woh 
stattfinden, wenn keine Verbesserung in der Bewirtschaftung gleich- 
zeitig gemacht wird. Dieses ‚, Gesetz des abnehmenden Ertrags“ braucht 
indessen in Wirklichkeit nicht zu einer Verteuerung der Agrarprodukte 
zu führen, denn die entgegenwirkenden Kräfte des technischen Fort- 
schritts können überwiegen. Daß dies auch in großem Maßstab im 
letzten Jahrhundert der Fall gewesen ist, daß m. a. W. heute auf einem 
gegebenen Stück Boden ein weit größerer Aufwand von Kapital und 
Arbeit möglich ist ohne Steigerung der Grenzproduktionskosten, ist 
unzweifelhaft. Dies hindert aber nicht, daß das Gesetz des abnehmenden 
rtrags seine Bedeutung behält und, wenn man sich die Produktions- 
technik als fest denkt, auch in Wirksamkeit kommt. 
Überhaupt finden wir, daß_die bisher angeführten Einwendungen 
in bezug auf Ricardos Analyse der Natur der Bodenrente belanglos 
sind, wenn sie auch die von Ricardo wie allgemein von der klassischen 
Ökonomie angenommene Einwirkung einer steigenden Bevölkerung 
auf die tatsächliche Entwicklung der Bodenrente ziemlich stark ent- 
räften. Die starke Vermehrung der europäischen Bevölkerung im 
letzten Menschenalter hat sogar unter einem gleichzeitigen Sinken 
der landwirtschaftlichen Bodenrente in Europa stattgefunden. Die 
Möglichkeiten der weiteren Ausdehnung der Bebauungsfläche der, 
Welt und der technischen Fortschritte der Landwirtschaft, vor allem 
ielleicht der allgemeineren Verbreitung der schon gewonnenen Technik 
werden vielleicht für die nächste Zukunft eine nochmalige Steigerung 
der landwirtschaftlichen Bodenrente verhindern. Wollten wir aber‘ 
daraus allgemeine Schlüsse prinzipieller Bedeutung oder mit Gültigkeit 
ür längere Perioden ziehen, so würden wir uns nur des so oft begangenen 
Fehlers schuldig machen, zufällige Tendenzen unserer eigenen Zeit ihr 
epräge auf unsere ökonomische Theorie setzen zu lassen. , 
Vom theoretischen Gesichtspunkt aus viel wichtiger sind die Ein- 
vendungen, die gegen Ricardos Lehre, daß die Grundrente keinen 
eil der Produktionskosten ausmacht, gerichtet worden sind. Man hat 
besonders hervorgehoben, daß, wenn es auch wahr sein mag, daß de 
chlechteste überhaupt in Anbau genommene Boden keine Rente zahlt 
jedenfalls der schlechteste für eine höhere Kultur, sagen wir Weizenbau, 
benutzte Boden eine Rente zahlen muß, und daß diese Rente notwendig 
als ein Teil der Produktionskosten des Weizens aufgefaßt werden muß, 
Die Richtigkeit dieser_Einwendung konnte nicht zugegeben werden, 
ohne daß die Ricardosche Preislehre als er werde 
Cassel, Theoret, Sozialökonomie. 4. Aı 
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