242 Kap. VIL Die Bodenrente und die Preise der Naturmaterialien,
mußte. Denn diese Lehre gründet sich eben, wie wir im nächsten Kapitel
genauer sehen werden, wesentlich darauf, daß die Bodenrente vollständig
aus der Preisbildung ausscheidet und daß die Preise ausschließlich
durch die Produktionskosten im Sinne dieser Lehre, also durch die
Summen,‘ die für die Mitwirkung der Arbeit und des Kapitals bezahlt
werden müssen, bestimmt werden. Es war also für die Freunde der
klassischen Theorie notwendig, den Ricardoschen Satz, daß die
Rente keinen Teil der Produktionskosten ausmacht, unbedingt aufrecht-
zuerhalten. Dies ist durch die Erklärung gelungen, der Aufwand von
Kapital und Arbeit müsse in jedem Produktionszweig der Landwirt-
schaft so weit getrieben werden, daß der‘ Gewinn des letzten Aufwands
gleich Null ist. Derjenige Weizen, der mit dem letzten Aufwand im
Weizenbau produziert wird, hat folglich nur einen Preis, der den Pro-
duktionskosten, also den Kapital- und Arbeitskosten entspricht. Der
Preis des Weizens schließt also keine Grundrente ein. Auch Marshall
kann nur durch eine solche Konstruktion sein System aufrechterhalten,
eine Tatsache, die für unsere Beurteilung dieses Systems ($ 19) Be-
deutung hat!). Auf die Kritik und die daraus zu ziehenden Folge-
rungen für die Preislehre werden wir in den folgenden Paragraphen
zurückkommen:
Die städtische Grundrente hat sich im letzten Jahrhundert unter
dem Einfluß der’steigenden-Bevölkerung und des Zugs nach den Städten
allgemein und sehr stark vermehrt. Die Gewinne, die dabei durch Ver-
kauf von Grundstücken gemacht wurden, waren teilweise ganz enorm,
die Lust, an einer solchen leichten Bereicherung teilzunehmen, schuf
eine lebhafte Bodenspekulation, in welcher große Vermögen verdient,
freilich auch bei Überspekulation und Rückschlägen schwere Verluste
erlitten wurden. Gleichzeitig mit der Grundrente stiegen auch die
Mieten, ganz besonders in den Zentren der Großstädte, auf eine Höhe,
die drückend empfunden.wurde. In der populären Auffassung stellten
sich nun die hohen Mieten und die immerfort dauernde Wohnungsnot
als Folgen der Bodenspekulation und der durch sie veranlaßten Steige-
rung der Bodenpreise dar. Diese Auffassung wurde auch von Vertretern
der Wissenschaft unterstützt. Die Sozialpolitik lehrte, daß die Woh-
nungsverhältnisse großer Teile der Bevölkerung und besonders die der
lohnarbeitenden Klassen sich immer ungünstiger gestalteten, daß die
Mietsteigerung vor allem daran die Schuld trage, selbst aber in erster
Linie Folge der Machenschaften der Bodenspekulanten sei, die durch
künstliches Zurückhalten des Bodens, durch immer wiederholte Ver-
käufe und durch starke hypothekarische Schuldenbelastung des Bodens
die Preise in die Höhe trieben?). Eine Besserung könne erst durch
ı) Principles, Book V, Ch. VIII, 8 3.
2) Pohle: Zeitschrift für Sozialwissenschaft 1905, p. 679.