Full text: Theoretische Sozialökonomie

262 Kap. VII. Die Bodenrente und die Preise der Naturmaterialien. 
qualitäten voraussetzen, daß in beiden Fällen die vorteilhafteste Zu- 
sammenstellung von Bodenareal und Aufwand von Kapital und Arbeit 
gewählt wird. Welches die vorteilhafteste Zusammenstellung ist, 1äßt 
sich aber in bezug auf den besseren, rententragenden Boden nicht be- 
stimmen, ehe die Bodenrente (oder, was auf dasselbe hinauskommt, der 
Preis des Produkts) gegeben ist. Die scheinbar so "einfache Auffassung 
der Bodenrente als einer Differentialrente wird also durch das gleich- 
zeitige Wirken des Substitutionsprinzips ziemlich kompliziert. Es zeigt 
sich, daß wir mit dem Unterschied in den Produktenmengen des besseren 
und schlechteren Bodens als Bestimmungsgrund der Bodenrente jeden- 
alls nicht weit kommen. 
Aber auch wenn diese Komplikation nicht vorhanden wäre, wenn 
wir das Problem bis aufs äußerste dadurch vereinfachen wollten, daß 
ir die Menge von Kapital und Arbeit, die auf einer gegebenen Boden- 
läche verwendet werden kann, als für jede Bodenqualität absolut fixier 
oraussetzen, würden wir dennoch nicht den Überschuß des Produktes 
des rententragenden Bodens über dasjenige des nicht-rententragenden 
als selbständigen Bestimmungsgrund der Bodenrente gelten lassen 
können. Denn die Ausdehnung der Kultur, und damit die Lage der 
Kulturgrenze und die Qualität des nicht-rententragenden Bodens, ist 
ebensoviel von der Bodenrente bestimmt wie diese von jener. Über- 
aupt ist die Erklärung der Bodenrente als eines Überschusses über die 
Produktmenge eines schlechteren Bodens sehr wenig befriedigend. Die 
Bodenrente eines Bodens bestimmter Qualität ist doch in ihrem innersten 
esen ein Knappheitspreis, der sich in erster Linie auf diesen Boden 
selbst bezieht und von Angebot und Nachfrage nach ihm bestimmt wird 
Die gleichzeitige Existenz eines schlechteren Bodens, der in Konkurrenz 
it dem besseren treten kann, kann wohl den genannten Knappheits- 
oreis etwas herabsetzen, aber jedenfalls der Bodenrente keine wesentlich 
andere Natur geben. Das einseitige Hervorheben des Differential- 
moments erweckt leicht die Vorstellung, als ob die_Existenz des 
schlechteren Bodens irgendeine wesentliche Bedeutung für die Boden- 
ente des besseren Bodens hätte. In Wirklichkeit ist aber diese Boden- 
rente für ihre Existenz gar nicht vom Vorhandensein des schlechtere 
Bodens abhängig, im Gegenteil, sie wird ja dadurch nur vermindert! 
enn in einem Lande die letzte benutzte Bodenqualität im Verhältnis 
zur Nachfrage knapp wäre, und wenn der noch unbenutzte Boden 
esentlich niedrigerer Qualität wäre, dann müßte die letzte benutzte 
Bodenqualität auch eine Rente tragen, welche dann als reine Knappheits- 
rente klar zutage treten würde. Wir müssen unbedingt an unsere Preis- 
bildungstheorie die Forderung stellen, daß sie einen solchen immerhin 
denkbaren Fall mit umfaßt. Für die wirkliche Natur der Bodenrente 
hat es keine wesentliche Bedeutung, daß an der Grenze des Anbaues 
ein rentenfreier Boden existiert. _ Wenn für eine Preistheorie diese
	        
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