$ 33. Die pessimistischen Lohntheorien. u]
einer schnelleren Volksvermehrung verwendet worden. Vielmehr zeigt
sich gerade in den höheren Schichten der Arbeiterklasse eine unverkenn-
bare Tendenz. zur Beschränkung der Fortpflanzung und zur Ausnutzung
des Arbeitslohns zu einer Steigerung des Lebensstandards. Wir dürfen
aber nicht vergessen, daß solche günstige Wirkungen in der Hauptsache
auf die Länder höchster Zivilisation, auf die Völker unserer Rasse, zum
Teil auch auf die oberen Schichten der Lohnarbeiter dieser Völker be-
schränkt sind. In der ganzen übrigen Welt ist, wie Marshall sehr
r chtig bemerkt hat, das eherne Lohngesetz immer noch vorherrschend,
und die Löhne decken meistens nur die Kosten des Aufziehens und des
Unterhalts einer Klasse von wenig leistungsfähigen Arbeitern!). Die
Möglichkeit einer Erhöhung des Lebensstandards der Lohnarbeiter über
das nackte Existenzminimum wird von einer solchen Menge von indivi-
duellen und sozialen Faktoren bedingt, daß jeder Versuch, diesen Gegen-
stand in einer einfachen Formel erschöpfend behandeln zu wollen, als
unwissenschaftlich und gänzlich unfruchtbar aufgegeben werden sollte.
Hat man sich einmal klargemacht, daß die „Arbeiterklasse“ nicht
die homogene Masse ist, mit welcher die primitive Theorie und die poli-
tische Redekunst gern operieren, sondern sich in der Wirklichkeit aus
einer sehr großen Zahl von Bevölkerungsschichten mit sehr verschiede-
ner Lebenshaltung zusammensetzt, so tritt auch mit einemmal das
logisch Unhaltbare in der älteren Auffassung des Existenzminimums
oder überhaupt der „Produktionskosten der Arbeit“ als untere Grenze ı
des Arbeitslohns zutage. Unter heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen
ist es sehr wohl möglich, daß eine gewisse Klasse von Arbeit auch
dauernd zu einem Lohn verrichtet wird, der es den Arbeitern nicht er-
möglicht, Familie zu bilden, Kinder aufzuziehen und für dieselbe Ar-
beitsleistung auszubilden, ja der vielleicht nicht einmal die laufenden
Unterhaltungskosten der Arbeiter selbst deckt. Selbstverständlich
müssen die „Produktionskosten‘“ solcher Arbeit irgendwie gedeckt
werden, Sie können aber ganz oder zum Teil von höheren Schichten der
Lohnarbeiterklasse, von der Bauernklasse oder von bürgerlichen Familien
Schließlich auch vom Staat und der Gemeinde getragen werden. Es
gibt in der heutigen Gesellschaft sicher verschiedene Berufe, besonders
weibliche, die kaum die Arbeiter mit ihrem notwendigen laufenden Unter-
halt versorgen und jedenfalls nicht imstande sind, die Herstellungs-
kosten der Arbeiter selbst zu bezahlen, sondern die immerfort durch eine
Zufuhr von Arbeitskraft aus anderen Schichten gespeist werden müssen.
In diesen Berufen ist also die Zahlung eines „natürlichen Lohns‘“ im
Ricardoschen Sinne nicht notwendig. Solche für die Erkenntnis der
wahren Natur sehr wichtiger Probleme der Theorie des Arbeitslohns
wesentliche Umstände müssen uns vollständig verschlossen bleiben, so-
') Vgl. Marshall: Principles, VA), 3;
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