Full text: Theoretische Sozialökonomie

S Kap. VIIL Der Arbeitslohn. 
diesem Kapitalreichtum steigt und fällt. Der Zusammenhang ist aber 
wesentlich anderer Natur als sich die Lohnfondstheorie vorstellte: 
Kapital und Arbeit sind nach unserer Auffassung konkurrierende, aber 
zusammenwirkende und einander ergänzende Produktionsfaktoren, deren 
Preise durch den allgemeinen Preisbildungsprozeß bestimmt werden, 
wobei natürlich die relative Knappheit dieser beiden Produktions- 
faktoren für ihre Preise in erster Linie Bedeutung gewinnt. Nur von 
diesem Gesichtspunkt aus läßt sich der Einfluß “der Kapitalmenge auf 
den Arbeitslohn analysieren. 
8 34. Moderne optimistische Lohntheorien. 
Adam Smith leitet sein Kapitel über den Arbeitslohn mit der 
Bemerkung ein, daß das Produkt der Arbeit den natürlichen Ersatz oder 
Lohn der Arbeit bildet. Unter modernen Verhältnissen hat der Arbeiter 
einen Teil seines Produkts in Form von Bodenrente und Profit dem 
Grundbesitzer und dem Kapitalisten abzutreten. Der Rest des Arbeits- 
produkts bildet den Arbeitslohn. In dieser Auffassung lag schon der 
Kern einer Theorie, die in der Produktivität der Arbeit den wesent- 
lichen Bestimmungsgrund des Arbeitslohns sieht, und die also die 
Abhängigkeit des Arbeitslohns vom Produkt der Arbeit in den Vorder- 
grund stellt. Die neuere Entwicklung der Arbeitslohntheorie ist in 
der Tat in wesentlichem Grad von dieser Betrachtungsweise bestimmt ?). 
Damit wird offenbar der Arbeiterklasse selbst ein Einfluß auf die 
Höhe des Arbeitslohns zuerkannt: durch eigene Anstrengungen und 
eigene Tüchtigkeit können die Arbeiter ihre Lage verbessern. Die 
optimistische Färbung, welche die moderne Lohntheorie hierdurch 
erhält, steht im Gegensatz zum Pessimismus der älteren Lohntheorien, 
nach denen die Höhe des Arbeitslohns wesentlich durch äußere Um- 
stände bestimmt war und die Arbeiter auf sie eigentlich nur durch 
Beschränkung ihrer Fortpflanzung einen Einfluß gewinnen konnten. 
Daß der Arbeitslohn in irgendeiner Weise vom Produkt der Arbeit 
abhängen muß, ist ein sehr natürlicher und, wie wir sehen werden, auch 
ein fruchtbarer Gedanke. Nun muß man sich hüten, diesen Zusammen- 
hang so einfach aufzufassen, daß man den Arbeitslohn als das Ergebnis 
der Arbeit mit Abzug dessen, was für die Mitwirkung der übrigen Pro- 
duktionsfaktoren bezahlt werden muß, darstellt. Ein solches Räsonne- 
ment führt zu einer einseitigen „Residualtheorie“, nach welcher der 
ı) Unter den frühen Vertretern dieser Auffassung sind zu nennen: 
Leroy-Beaulieu seit den 60er Jahren (Traite d’&conomie politique. Paris 
1896. TI). 
Walker seit den 70er Jahren (Wages Question, London 1891, Ch. VII, IX 
und p. 411). 
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