$ 49. Die Begrenzung der Zahlungsmittelversorgung durch den Bankzins. 395
‚Ein solches Verhalten der Bank muß, wenn es fortgesetzt wird,
seine Wirkung auf den ganzen Kapitalmarkt erstrecken. Zwar be-
schränkt sich das unmittelbare Eingreifen der Banken auf den Markt
für kurze Darlehen. Die reichliche Versorgung des Bedarfs an kurz-
fristigen Vorschüssen bewirkt aber, daß das Kapitalangebot des Publi-
kums sich in größerem Umfange dem Markte für langfristige oder be-
ständige Kapitaldispositionen zuwendet, was sich in einem lebhaften
Interesse für Emissionen von Pfandbriefen und Aktien äußern wird.
Ein solches Angebot muß aber auch den Zinsfuß für die betreffende
Kapitaldisposition drücken. Der niedrige Zinsfuß der Banken wird in
dieser Weise den ganzen Kapitalmarkt beeinflussen und zwar dieselbe
Wirkung ausüben, als ob eine wirkliche Vermehrung des Kapital-
angebots eingetreten wäre.
Durch das gedachte Verhalten der Banken wird offenbar eine
künstliche Kaufkraft geschaffen, der keine Vermehrung der Güter,
welche gekauft werden können, gegenübersteht. Dadurch muß eine
Preissteigerung bewirkt werden, welche eine Verminderung der Kauf-
kraft der Rechnungseinheit bedeutet. Die Gleichgewichtslage erfordert
eben eine bestimmte Knappheit der Zahlungsmittelversorgung, und diese
Knappheit kann nur durch eine Zinspolitik, die ein wahrer Ausdruck
der wirklichen Kapitalknappheit ist, herbeigeführt werden.
Eine Fälschung des Kapitalmarkts durch einen zu niedrigen Zins-
fuß wird aber nicht ganz ohne Gegenwirkung bleiben. Das Hervor-
treten entgegenwirkender Kräfte ist ja überhaupt die Bedingung jeder
Stabilität des wirtschaftlichen Lebens. Die Gegenwirkung liegt in diesem
Falle wesentlich auf dem Gebiete des Produktionsprozesses. Die Auf-
gabe des Zinses ist, die Nachfrage nach neuer Kapitaldisposition in
Übereinstimmung mit dem Angebote, also mit dem neugebildeten
Sparkapital zu regulieren. Da aber der Zins im allgemeinen wenig
Einfluß au$ das Sparen hat, so besteht seine Rolle als Regulator des
Kapitalmarktes wesentlich in der nötigen Beschränkung der Nachfrage
nach Kapitaldisposition, also in einer bestimmten Leitung des Pro-
duktionsprozesses. Wird der Zinsfuß auf dem Markt zu niedrig ge-
halten, so muß dieser Fehler in einer solchen Richtung der Produktion,
die mehr festes Kapital in Anspruch nimmt, also in einer relativ ge-
steigerten Kapitalproduktion zutage treten. Eine solche außerordentlich
gesteigerte Kapitalproduktion muß aber allmählich die Möglichkeit zu
lohnender Kapitalverwendung beschränken, also neue Kapitalinvestie-
rungen weniger lohnend machen. Dies würde unter normalen Verhält-
nissen ein Sinken des Zinsfußes herbeiführen, Jetzt aber, wo der Zins-
fuß schon zu niedrig steht, ist die Wirkung der gesteigerten Kapital-
produktion die, daß die Verhältnisse des Kapitalmarkts allmählich in
Übereinstimmung mit dem geltenden niedrigen Zinsfuß gebracht
werden. Damit ist aber der Kapitalmarkt wieder ins Gleichgewicht