Full text: Theoretische Sozialökonomie

554 Kap. XVII. Einfluß der Konjunkturen auf den Kapitalmarkt. 
früheren Zinsfuß zur Verfügung zu stellen oder jedenfalls zögern, ihren 
Zinsfuß so schnell zu steigern, wie die wachsende Knappheit von Kapital- 
disposition es erfordern würde. Die Kapitalgüter werden demzufolge 
nach einem zu niedrigen Zinsfuß kapitalisiert, d. h. ihre Preise werden 
in die Höhe getrieben. Die Produktion der Kapitalgüter erscheint dem- 
nach besonders lohnend, und die Unternehmer bedienen sich gern der 
Kaufkraft, welche die Banken ihnen so billig zur Verfügung stellen. Das 
Verhalten der Banken bedeutet also eine Verschiebung der gesellschaft- 
lichen Kaufkraft zugunsten der Kapitalgüter. Daraus folgt eine ent- 
sprechende Verschiebung der Produktion, wobei die Versorgung der 
Konsumenten eine relative Verschlechterung erfährt und den Kon- 
sumenten eine besondere Einschränkung ihrer Bedürfnisbefriedigung 
aufgezwungen wird. Auf die Verteilung der gesellschaftlichen Kauf- 
kraft zwischen Kapitalgütern und Konsumgütern hat also das hier 
beschriebene Verhalten der Banken eine ähnliche Wirkung wie eine 
Erhöhung des allgemeinen Spargrades der Gesellschaft. 
Die neugeschaffene Kaufkraft, welche die Banken den Unter- 
nehmern zur Verfügung stellen, muß natürlich allmählich eine Preis- 
steigerung hervorrufen, die sich immer weiter verbreitet und als eine 
Erhöhung des allgemeinen Preisniveaus hervortritt. Der Umsatz er- 
fordert dann eine entsprechend vergrößerte Menge von Zahlungsmitteln. 
Dieser Bedarf wird von den Banken durch Vermehrung ihrer Bank- 
zahlungsmittel befriedigt. In der Aufschwungsperiode steigen also 
sowohl die Menge der Bankzahlungsmittel wie auch das allgemeine Preis- 
niveau. In der Depressionsperiode dagegen werden Bankkredite in 
großem Umfang zurückbezahlt, die Zahlungsmittelversorgung der Ge- 
sellschaft wird knapper, und das allgemeine Preisniveau geht zurück. 
Die hier geschilderten Bewegungen, also der Wechsel im relativen 
Umfang der Kapitalproduktion, die Verschiebungen im Spargrade der 
Gesellschaft, die Veränderungen des Ertrags des festen Kapitals und 
die wechselnde Versorgung der Gesellschaft mit Bankzahlungsmitteln, 
bewirken zusammen eine Bewegung des Zinsfußes und der Preise der 
Kapitalgüter, welche wir in dem Wechsel der Konjunkturen beobachten 
und teilweise auch statistisch feststellen können. Dies werden wir in 
den folgenden Paragraphen versuchen. 
8177. Der‘ Zinsfuß: 
Daß der Zinsfuß an der Spitze der Hochkonjunktur stark in die Höhe 
geht, ist eine allgemein anerkannte Tatsache, die wir auch unserer Defini- 
tion der Konjunkturspitzen oder der ‚„Wendejahre‘““ zugrunde gelegt 
haben. Unsere Diagramme über die Veränderungen der Diskontsätze 
in Berlin und London (Fig. 6und 7 S.477—8) zeigen, wie starkausgeprägt
	        
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