560 Kap. XVIII. Einfluß der Konjunkturen auf den Kapitalmarkt.
wenn sie sich auch nach der Krise etwas erholen, werden sie doch erst
nach Ende der Depression wieder in die Höhe gehen.
Aus unseren Kenntnissen der Lage des Kapitalmarkts in den ver-
schiedenen Konjunkturabschnitten können wir also folgende allgemeine
Regel für die Bewegungen der Effektenkurse ableiten: sowohl fest-
verzinsliche wie Dividendenwerte erreichen im Augenblick der Krisis ihr
Kursminimum. ‚Danach steigen beide, die festverzinslichen Werte aber
nur bis im Anfang des neuen Aufschwungs, wo ihre Kurse ihr Maximum
erreichen. Die Dividendenwerte setzen die aufgehende Bewegung fort,
um erst beim Beginn der eigentlichen Hochkonjunktur ihren Höchst-
kurs zu erreichen. Der Rückgang der Kurse setzt mit dieser eigent-
lichen Hochkonjunktur ein und erstreckt sich auf sämtliche Werte.
Suchen wir nun diese Ergebnisse zu prüfen.
Daß ein Rückgang der Effektenkurse schon vor der Krise statt-
findet, sogar in einem Tempo, daß man von einer Börsenkrise als Vor-
Jäufer der eigentlichen volkswirtschaftlichen Krise sprechen kann, ist
aus der Krisengeschichte allgemein bekannt. Schon Wirth betrachtet
ein anhaltendes und durch keine politische oder sonst nachweisbare
Ursache hervorgebrachtes Sinken der Kurse der Börseneffekten als eins
der Merkmale des Herannahens einer Krise!). Ein amerikanischer Ver-
fasser, Burton, findet in einem andauernden und stetigen Kursfall
auf der Effektenbörse ein sicheres Zeichen einer bevorstehenden Krise
und führt eine Reihe von Fällen an, wo amerikanische Werte einen
solchen Rückgang in der letzten Zeit der Hochkonjunktur aufzuweisen
gehabt haben?).
Betrachten wir hier zunächst die Kursentwicklung der Dividenden-
werte an der Berliner Börse im Jahre 1907. Die Indexziffer der Frank-
furter Zeitung?) stand ult. Dezember 1906 auf 162,68, ult. Januar
1907 auf 160,59. Dann setzt ein heftiger Rückgang ein, der die Index-
ziffer bis ult. März auf 152,61 reduzierte. In den zwei Monaten Februar
und März waren also acht Punkte verloren gegangen. Der nächste
stärkere Kursturz fand erst im Oktober, also im Krisenmonat statt,
wo die Indexziffer von 149,10 auf 143,90, also um etwas über 5 Punkte
zurückging. Rechnet man vom Kursmaximum der Dividendenpapiere,
das im September 1905 eintrat und 175,60 betrug, so findet man, daß
vor dem Beginn der eigentlichen Krise der weitaus größte Teil des
Kursrückgangs schon beendet war. Die Krikse trieb das Kursniveau
nur noch auf das Minimum von 142,91 (Februar 1908).
Um die Entwicklung der Kurse der festverzinslichen Papiere durch
eine Reihe von Konjunkturveränderungen verfolgen zu können, wollen
1) Geschichte der Handelskrisen. Frankfurt 1883, p. 8.
2) Financial Crises. London 1903 p. 231ff.
3) Der Index gibt den Durchschnittskurs für die Hälfte des an der Berliner
Börse zum Handel zugelassenen Kapitals an. Volkswirtschaftliche Chronik.