440 Zweiter systematisch-theoretischer Teil
werden. Besonders wichtige Zusammenhänge, die in dieser Hinsicht
bestehen, werden in den folgenden Abschnitten noch besonders be-
sprochen werden.
Von großer Bedeutung für diesen allgemeinen Zusammenhang
zwischen Bevölkerung und Gesellschaft ist die eingangs des Buches
bereits angeschnittene Frage, inwieweit überhaupt dem Volkswachstum
eine vorwärtstreibende und die gesellschaftliche Ordnung um-
gestaltende Kraft zukommt. Wir haben in den vorangegangenen
Abschnitten gesehen, daß dies jedenfalls in großem Umfang der Fall
ist; freilich nur dann, wenn bestimmte, in der Natur des Landes,
aber auch in den Anlagen seiner Bewohner vorhandene Fähigkeiten
bestehen. Nur da, wo die Gelegenheit dazu vorhanden ist, kann
sich dieser Trieb auch in die Tat umsetzen und wirksam werden.
Wenn dies der Fall ist, dann ist das Volkswachstum ein Faktor, der
mit ungestümer Kraft alte wirtschaftliche und gesellschaftliche Formen
und Bande sprengt und neue Gestaltungen an Stelle der alten setzt.
Hier handelt es sich keineswegs um einfache Kausalzusammenhänge,
sondern wiederum um Wechselwirkungen, da es auch wieder die
eben genannten Voraussetzungen in der Natur des Landes und den
Anlagen seiner Bewohner sind, die erst ein erhebliches Volkswachs-
tum ermöglichen.
Das sind Fragen, die heute von besonderer Bedeutung sind,
da manche Anzeichen dafür sprechen, daß wir in wichtigen Kultur-
staaten in eine Periode langsameren Volkswachstums, viel-
leicht in eine Periode einer Stagnation der Volkszahl hineinkommen.
Schon Comte hat darauf hingewiesen, daß ein starkes Volkswachs-
tum schon deshalb ganz allgemein von fortschrittsförderndem Ein-
fluß sei, weil es den Umlauf der menschlichen Generationen be-
schleunige *). In diesem Zusammenhang wies Comte auch auf
die Tatsache hin, daß eine bestimmte Volkszahl überhaupt erst die
Voraussetzung einer Teilung der Arbeit sei, ebenso darauf, daß
eine solche Verdichtung den Einzelnen antreibe, „immer neue An-
strengungen zu wagen, um sich durch raffinierte Mittel eine
Existenz zu sichern‘; und daß die ganze Gesellschaft genötigt wird,
„mit einer hartnäckigeren und einheitlicheren Energie zu reagieren,
um gegen die mächtige Entfaltung der Sonderbestrebungen ge-
nügend anzukämpfen“. Dabei handelt es sich keineswegs immer
um die absolute Erhöhung der Zahl der Individuen, darum, daß
dann die Wohnweise dichter wird, daß große Bevölkerungszentren
') Soziologie, Ausg. Waentig, 1907, Bd. ı, 6. Kap.