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Schwitze, bis das Haar bequem ausgeht, ja zuweilen mit dem Besen
abgefegt werden kann. Es ist ein fieberhaftes Interesse für industrielle
Vorgänge, welches, vielleicht unter dem Eindruck der Colbertschen
Reglements, nun auch in Deutschland alle Staatsbeamte erfüllt. So
werden die kameralistischen Lehrbücher die Träger neuer gewerblicher
Erfindungen und Verbesserungen, da Fachzeitschriften um diese Zeit noch
nicht genügend ausgebildet sind.
Aber damit begnügen sich die Kameralisten noch nicht. Schon aus
der Periode der letzten inneren Kolonisation stammen die monatlichen
historischen Berichte über den Gang der Geschäfte; daneben sind technische
Beiräte der Regierung die Organe, durch welche sie auf die Gewerbe
fördernd einzuwirken sucht Z. Diese Männer sind also die Mittel, um
die in den Zeitungen und in den kameralistischen Schriften nur für
wenige zugänglichen gewerblichen Notizen in die breite Masse des
Handwerks hineinzutragen; sie sorgen für Propagation des gewerblichen
Wissens an die Ausübungsstätten des Gewerbes; der Kriegsrat von
Marquardt bereiste die Gegenden, er verbreitete neue technische Methoden
und lehrte selbst manche Manipulationen, besonders im Fache der
Gerberei und Färberei").
Aber auch damit ist es noch nicht genug. Die Kameralisten be
schäftigen sich auch selbst mit den Gewerben so intensiv, daß sie Er
finderarbeit leisten. „Eine mühsame Untersuchung hat mich überzeugt,
daß man mit einem aus den Steinkohlen und Torf zu ziehenden Wasser
alle Arten von sog. lohgaren Ledern gar machen könne" 3 ) sagt der
schon mehrmals erwähnte Kameralist Pfeiffer in seinem vierbändigen
„Lehrbegriff sämtlicher ökonomischer und Kameralwissenschaften".
Alles bisher Besprochene hat mehr oder weniger den Charakter
der staatlichen Verwaltungsmaßnahme. Aber der Einfluß des Staates
um diese Zeit ist ein noch viel weitergehender. Die ganze Wissenschaft
der Technologie ist ihrem Wesen nach im Kopfe eines Staatsmannes
entsprungen, und zwar keines geringeren als Colbert. Auf seine Ver
anlassung hin wurde die Akademie der Wissenschaften im Dezember
1666 versammelt, um bei ihr ein Interesse für das Gewerbe zu er
wecken^), und der spätere Erfolg dieser Ideen waren die großartig
angelegten Descriptions des arts et des metiers ®), welche allenthalben
Aufmerksamkeit erweckten und Anreguug zu ähnlichen Werken gaben.
Die wichtigsten deutschen Sammelwerke dieser Art waren Johann Samuel
Halle, Werkstätten der heutigen Künste oder die neuere Kunsthistorie
(1761—1779). Handwerke und Künste in Tabellen, 17 Teile, Sprengel,
9 Schanz 1884, S. 106. 2 ) Ebenda. 3 ) Pfeiffer 1777, S. 369.
4 ) Schauplatz 1766, Bd. V, S. 315. °) Karmarsch 1872, S. 860 ff.