Kapitel I. Sismondi und die Ursprünge der kritischen Schule.
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haupt erst hervorbringt . . Hungers stirbt, ohne Teil an diesem Ein
kommen haben zu können“ 1 ).
An einigen Stellen scheint Sismondi schon die MARx’sche Theorie
des Mehrwertes anzukündigen, indem er sich des Ausdruckes „Über
wert“ (Mieux-value) bedient 2 ). In Wirklichkeit sind das aber nur Wort
analogien. Wenn Sismondi vom „Überwert“ spricht, will er damit den
stetig wachsenden Wert bezeichnen, der in allen fortschrittlichen Ländern
jährlich nicht nur von der Arbeit allein, sondern dank dem gemein
samen Zusammenwirken von Arbeit und Kapital geschaffen wird 3 ).
Üie Idee, die Marx aufstellte, daß die Arbeit allein den Wert schafft,
und daß infolgedessen der Gewinn und die Zinsen einen Diebstahl dar
stellen, der an dem Arbeiter begangen wird, ist ihm völlig fremd. Sismondi
erkennt wohl an, daß die Einkünfte des Großgrundbesitzers und des
Kapitalisten auf einer Arbeit beruhen, die sie nicht getan haben; mit
Recht unterscheidet er das Einkommen aus Arbeit und das aus Eigentum;
aber in seinen Augen ist das letztere nicht weniger berechtigt als das
e rstere, denn, sagt er, diejenigen, die von einem Einkommen ohne Arbeit
profitieren, „haben ein andauerndes Recht darauf erworben durch eine
»primäre“ Arbeit, die die „gegenwärtige“ Arbeit vorteilhafter gemacht
hat“ 4 ). Wenn Sismondi schreibt, daß der Arbeiter beraubt wird, so
wdl er damit einfach sagen, daß manchmal der Arbeiter nicht genügend
bezahlt wird, nicht genügend erhält, um davon leben zu können,
*) Ebenda, S. 274—276.
2 ) N. P„ I, S. 103.
3 ) Wir stimmen in diesem Punkte nicht mit der Darlegung, die Aftalion von
*eser Stelle in seiner, übrigens ausgezeichneten Monographie: L’CEuvre öconomique
® Simonde de Sismondi, Paris 1899, gibt, überein, wie auch nicht mit der, die
enis in seiner Histoire des Systömes öconomiques, II, S. 306, ausführt. Der
lext Sismondi’s scheint uns keinen Raum für irgendeinen Zweifel zu lassen: „Im
Gegensatz zum Boden könnte man die beiden anderen Quellen des Reichtums zu
sammenfassen: in das Leben, das die Arbeitsfähigkeit gibt, und in das Kapital, das die
.eit eß Uohnt. Wenn diese beiden Mächte vereinigt sind, so besitzen sie zusammen
e ’ ae Expansivkraft, und die Arbeit, die der Arbeiter in einem Jahr vollbringt, wird
3 ets mehr wert sein, als die Arbeit des vorhergehenden Jahres, die dem Arbeiter den
ebensunterhalt geliefert hat. Infolge dieses Uberwertes (Mieux-valüe), der um so
großer ist, je größer der Fortschritt, den die Kunstfertigkeiten und die Wissenschaft
! a 7l rer Anwendung auf das Kunstgewerbe gemacht haben, erzeugt die Industrie ein
«ständiges Wachstum des Reichtums“ (N. P., I, S. 103).
‘) N. P., I, S. 111—112. Vgl. auch S. 87: „Der Reichtum jedoch nimmt an seiner
Arbeit teil, und der, der ihn besitzt, nimmt dem Arbeiter, als Gegenwert für die
di e er ihm leistet, einen Teil dessen, was der Arbeiter über seinen Unter
halt hinaus, erzeugt hat.“ — Dieser Teil ist allerdings groß: „Der Unternehmer bemüht
f lca ’dem Arbeiter nur gerade das zu lassen, was ihm zum Leben notwendig ist, und
«hält für sich selbst alles das, was der Arbeiter über das zum Leben Notwendige hinaus
«zeugt hat“ (ebenda, S. 103). Diese Tatsache hat aber nichts Zwingendes an sich und
«rgmt sich nicht, wie bei Marx aus dem Wertgesetz.