Full text : Holländische Wirtschaftsgeschichte

ausgedehntes Stapelrecht und sicherte sich dadurch namentlich für das inländische
Getreide und die binnenländischen Fettwaren ein starkes Übergewicht über das
flache Land. Das konnte Groningen nur durchsetzen durch den in der Stadt vorherrschenden
 Einfluß der Gilden; und diesen war es auch zuzuschreiben, daß der
Streit zwischen Stadt und Land über das Stapelrecht so heftig gewesen ist und so
außerordentlich lange gedauert hat!). Außer in Groningen besaßen im Mittelalter
namentlich in Utrecht und Dordrecht die Gilden eine große Macht.
Im 16. und x7.. Jahrhundert. verschwand aber. im
allgemeinen der politische Einfluß der Gilden; sie waren nun
nichts mehr als nahezu jeder Selbständigkeit beraubte Or gane
der städtischen Verwaltung; dieser stand die Erneuerung
 der Vorstände zu. Auch wirtschaftlich verloren die Gilden
 allmählich an Bedeutung. Zu der großen Zahl von Gilden,
die es gab und die sich über alle niederländischen Städte und alle
Gewerbe verteilten, stand ihr wirtschaftlicher Einfluß nun auch
in recht schwachem Verhältnis?). Nur noch im Handwerk und in der
freilich ziemlich ausgedehnten Hausindustrie fiel den Zunfteinrichtungen
 eine bestimmende Rolle zu; wo die Arbeit fabrikmäßig organisiert
 wurde, gab es gewiß noch immer zahlreiche, die Fabrikation
und Arbeitsweise, auch das Verhältnis der Lehrlinge und Gesellen
betreffende und regelnde Bestimmungen, die dem Zunftwesen entnommen
 waren; aber die eigentliche Zunftorganisation, die mit
dem Zunftzwang verbunden war, zeigte doch eine starke Lockerung).
Im Grunde blieben übrig doch nur die polizeilichen Vorschriften,
die zur Kontrolle über die Herstellung der Fabrikate und zum
Schutz der Verbraucher dienten. Das waren Einrichtungen, die
man sich auch ohne Zunftorganisation denken konnte und die es
in den deutschen Städten vielfach ganz unabhängig von dem Zunftzwange
 gab. Tatsächlich standen auch manche nicht mehr handwerksmäßig,
 sondern fabrikmäßig betriebene, stark auf den Export
angewiesene Industrien, wie die Brauereien, die Zuckerraffinerien,
die Brennereien, z. T. auch die Textilindustrie zu der Zeit, da der
fabrikmäßige Betrieb aufkam, zwar unter obrigkeitlicher Aufsicht,
7) Boos, S. 367,
°) In Amsterdam gab es in der Mitte des 16. Jahrhunderts 26 Amtsgilden
(ter Gouw, VS. 400 ff.).
°) Die Verhandlungen der Droogscheerders-Synode aus dem 17. Jahrhundert
über die Lehrzeit, die Prüfung, die Zahl der Lehrlinge, die Aufnahme von Fremden
usw. zeigen auch schon den Verfall der Organisation (Kernkamp, Droogscheerders-Synode,
 S. 279 ff.).
            
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