648 Einundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
Sehr begreiflich: in der ersten Abwehrlinie gegenüber Rußland
befindlich wagte es diesem nicht so leicht zu widersprechen und blieb
daher zusammen mit ihm als Restteilnehmer des allgemeinen
Bündnisses übrig. Dabei entsprach diese Haltung in nicht
geringem Grade zugleich persönlichen Eigenschaften Friedrich
Wilhelms J. In Fragen der inneren Politik von einer leiden—
schaftlichen Initiative war der König in auswärtigen Dingen
wenig beweglich; er fühlte sich dabei vor allem in der Skrupel⸗
losigkeit diplomatischer Kniffe zu unsicher. Natürlich aber war
er in diesem Zusammenhange in scharfen Gegensatz zu Hannover⸗
England und in peinliche Differenzen auch mit dem Kaiser
geraten. Und dabei war ihm doch in der russischen Um—
klammerung nicht recht wohl; am liebsten hätte er still direkten
Frieden mit Schweden, versteht sich unter Eingewinnung
Pommerns, gemacht.
In dieser Lage trafen ihn nun die Friedensbestrebungen
Englands: ungeniert zogen sie auch die preußischen Interessen
in ihren Bereich. Sollte Friedrich Wilhelm den englisch⸗
hannoverschen Beistand annehmen? Es war eine bittersüße
Frage. Aber schließlich fügte sich der König: „Ich werde Gott
bitten,“ meinte er, „mir beizustehen, wenn ich eine Rolle spielen
muß, die sonderbar ist; aber ich spiele sie ungern, denn es ist
nicht für einen honetten Mann.“ Am 1. Februar 1720 kam
unter Vermittlung Englands der Friede zwischen Schweden
und Preußen zustande. Preußen erhielt Stettin und Vor—⸗
pommern bis zur Peene mit Usedom und Wollin; aber es
hatte an Schweden zwei Millionen Taler, für den sparsamen
König keine kleine Summe, zu zahlen. Doch tröstete sich
Friedrich Wilhelm schließlich: „Die conditions sein stark,
aber Stettin bis an die Peene ist auch gut.“
Das isolierte Rußland aber führte den Krieg gegen Schweden
nunmehr mit Energie noch bis zum Jahre 1721 fort. Der
Friede von Nystadt, vom 10. September 1721, brachte ihm
dann schließlich, gegen Zahlung von zwei Millionen Taler und
Herausgabe des eroberten Finnlands, den Erwerb von Livland,
Esthland, Ingermanland und eines Teiles von Karelien: sieg⸗