thumbs: Die Entwickelung der Fabrikindustrie im lateinischen Amerika

Geschichtliche Verhältnisse. 
bildet in der von Europäern abstammenden, in den Kolonien 
geborenen Bevölkerung, die zur Trägerin der Unzufriedenheit 
mit dem starren Festhalten an der alten Kolonialpolitik und 
der schroffen Ablehnung aller berechtigten fortschrittlichen 
Wünsche der Kolonien seitens der heimischen Regierungen 
wurde. Es läßt sich darüber streiten, ob man es mit Freuden 
begrüßen muß, daß die Erfüllung dieser politischen Wünsche 
mit der Losreißung der Kolonien von den Mutterländern 
sich vollzog, oder ob nicht die Einführung einer fortschritt- 
licheren Kolonialpolitik unter Festhaltung der Kolonien an 
den Mutterländern eine viel gesündere und kräftigere Ent- 
wickelung des lateinischen Amerika gewährleistet hätte. Denn 
es darf nicht verkannt werden, daß auf anderen als dem 
wirtschaftlichen Gebiete die europäische Herrschaft dort trotz 
der schwierigen Verhältnisse recht erhebliche Kulturwerte 
geschaffen hat, die nur mit der Machtbefugnis einer festen 
staatlichen Gewalt im ‚Hintergrunde entstehen konnten. Und 
gerade diese war es, die den plötzlichen selbständig gewor- 
denen Republiken fehlte. . Denn wer sollte nun herrschen? 
Bisher hatte die diktatorische Gewalt der spanischen General- 
kapitäne mit bewaffneter Macht die Anordnungen der Re- 
gierung durchgesetzt. Gegen sie erhob sich in großer Ein- 
mütigkeit allmählich das ganze lateinische Amerika, fegte in 
furchtbarem, blutigem Kampfe die fremde Herrschaft hinweg 
und gründete selbständige Staaten, aber mit der gewonnenen 
Freiheit zerfiel auch der unter dem Drucke furchtbarer Not 
aufgeblühte vaterländische. Gemeinsinn./ Kaum war .die Ge- 
fahr beseitigt, so begannen Neid und Mißtrauen gegen die 
an der Spitze der Staaten stehenden, in schwerer Zeit be- 
währten Männer sich zu. regen, überall fürchtete man durch 
Häufung der Macht auf einem einzelnen Haupt die eben 
gewonnene Freiheit zu gefährden.‘ Die Führer traten zurück, 
neue Männer kamen an ihre Stelle, aber die Einigkeit wurde 
dadurch in den Staaten nicht hergestellt, die teilweise bis 
auf den heutigen Tag durch Partei-' und Verfassungskämpfe 
erschüttert werden. Hat sich hierin auch bei den großen 
spanisch-amerikanischen Republiken Argentinien, Chile, Mexiko 
in neuerer Zeit ein bedeutender Umschwung zum Besseren 
vollzogen und sind in diesen Staaten leidlich sichere poli- 
tische Zustände eingetreten, SO ist es mit diesen in den 
übrigen mittel- und südamerikanischen Republiken noch recht 
schlecht. bestellt. Hat doch eine Statistik festgestellt !), daß 
1) Vgl. Weber: Zur wirtschaftlichen Lage in den tropisch- 
amerikanischen Staaten. 
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