Religiöse Bewegung; Luther.
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suchte auch Luther den Gewinn seiner Kämpfe mit Gott nicht in
irgendwelchem dogmatischem Abschluß, sondern in den weiten
Friedensräumen einer allgemeinen religiös-sittlichen Haltung des
Lebens.
Von so hohem Standpunkte aus mußte ihm alle Hierarchie
als Hindernis persönlich-religiöser Erfahrung erscheinen, als
eine Cernierungstruppe gleichsam, die da wehrt durchzudringen
zur vollen Klarheit der Kinder Gottes. Für ihn konnte darum
die Kirche grundsätzlich nur aus denen bestehen, die an der
Hand der Offenbarung in eigenem Kampfe Gott finden gelernt
haben, eine unsichtbare, geistige Erscheinung, eine Gemeinde der
Heiligen. Und praktisch konnte er einen schlechten, sterblichen
Rahmen einer solchen Gemeinde nur in einer demokratischen
Kirchenverfassung erkennen.
Diese Gedanken führten weiter. Ein vergeistigt-persönlicher
Glaube bedarf keiner besonderen Lebenshaltung überhaupt; er
steht weit über dem Berufsgewirr dieses Lebens. Bezieht man
ihn aber auf die Gestaltung des Zeiklichen, so wird er adeln,
wen er nur immer ergreift. So zerfließt das Ideal äußer—
licher kirchlicher Vollkommenheit, das Ideal der letzten Genera—
tionen des Mittelalters; ein jeglicher kann vollkommen sein
vor dem Vater im Himmel. Diese Welt aber steht an sich
außerhalb der Religion; ihre Lebensgebiete unterliegen ihr
nicht und nicht der Kirche. Frei sind Wissenschaft und Staat,
frei Beruf und Ehe — das Zeitalter kirchlicher Emancipation,
geistiger Säkularisation bricht an. Und frei vor allem ist das
Individuum in dem Sinne, daß ihm gegenüber kein Wider—
stand berechtigt und erfolgreich ist, wenn Gott ihm zur Seite
steht. So ist das Freiheitsbewußtsein zwar noch gebunden an
die Gottesvorstellung des neuen Glaubens, aber nicht mehr an
die Kirche: es ist selbständig geworden in der Gnade Gottes.
Das etwa sind die wichtigsten, aber zunächst noch keines—
wegs völlig bewußt gezogenen Konsequenzen jener Lebens—
anschauung, die Luther um das Jahr 1517 hegte. Er hat sie
später wohl vollkommen erkannt; er hat die bittere Wahr—
heit ausgesprochen: „Ich habe dem Papst nicht allein die