Die Würde des Denkens.
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vor dem Forum der unmittelbaren Vorstellung, als „unbegreiflich‘“
erscheint, das besitzt andererseits den höchsten Grad der Begreif-
lichkeit und Notwendigkeit, sofern wir ihm unsere Anerkennung,
nicht versagen können, ohne uns in Widersprüche gegen die
ersten Grundsätze alles Verstehens zu verstricken. Hier ist somit
das Unendliche noch nicht das Beispiel eines transscendenten
Inhalts, der das System unserer „natürlichen Begriffe“ entwurzelt
und entwertet; es ist eine Forderung dieses Systems selbst. Das
Bewusstsein darf keinen Inhalt abweisen unter dem Vorgeben,
lass er ihm unfasslich ist, bevor es sich nicht darüber Rechen-
schaft gegeben hat, ob diese Unerfassbarkeit in einem subjektiven
Mangel der Vorstellungskraft oder einem inneren sachlichen Wider-
spruch des Objekts seinen Ursprung hat. Die Streitfrage, um die
as sich handelt, betrifft im Grunde nicht den Gegensatz zwischen
Bewusstsein und absoluter Existenz, sondern erstreckt sich auf die
verschiedenen Funktionen des Erkennens selbst und ihr wechsel-
zeitiges Verhältnis. Das Denken allein ist zum Richter über sich
selbst berufen. —
Und in den „Pensees‘“ selbst finden sich, durch alle sittliche
und intellektuelle Skepsis hindurch, Worte, die an diesen ersten
Ausgangspunkt Pascals erinnern. „Der Mensch ist nur ein schwan-
kendes und schwaches Rohr, aber er ist ein Rohr, das denkt.
Nicht das Universum braucht sich zu wappnen, ihn zu zer-
schmettern; ein Hauch, ein Wassertropfen ist genug, ihn zu töten.
Aber wenn ihn das Universum zerschmettern würde, so bliebe
er doch stets erhabener als das, was ihn tötet, weil er weiss,
dass er stirbt, und die Macht kennt, die das Universum über ihn
übt. Das Universum weiss Nichts davon. Alle unsere Würde
besteht also im Gedanken. An ihn müssen wir uns hingeben,
nicht an Raum und Zeit, die wir nicht zu erfüllen vermögen.
Arbeiten wir also daran, richtig zu denken: dies ist das Prinzip
jer Moral. Vermöge des Raumes begreift mich das Universum
und saugt mich auf, wie einen Punkt; vermöge des Gedankens
begreife ich es‘“.®) „Die gesamte Körperwelt, das Firmament, die
Gestirne, die Erde und ihre Reiche wiegen nicht den geringsten
der Geister auf, denn er erkennt dies alles und sich selbst, die
Körper Nichts davon“. (Pensees, ed. Havet, XVII, 1.) Wenn für
Descartes das Denken die einzige selbstgewisse Grundtatsache