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Die Ideenlehre. — Malebranche.
gemindert, dass es Arnauld nicht gelungen ist, von ihnen aus eine
eigene, folgerichtige Erkenntnislehre aufzubauen. In der Aus-
führung fällt er selbst in das gewöhnliche Vorurteil zurück: in
dem Kampfe gegen die Ansicht, dass der Prozess der Erkenntnis
an „Uebergang“ zwischen zwei verschiedenen Arten des absoluten
Seins bedeutet, übersieht er zugleich den Abstand, der für den
.mmanenten Standpunkt der Erkenntnis selbst zwischen
dem ursprünglichen und ungeformten Sinneseindruck und dem
Begriff des Gegenstandes besteht. Die Dinge sind ihm wiederum
in den ersten Empfindungen unmittelbar gesichert und gegeben,
Weil er in der Frage nach dem metaphysischen „Ursprung“ der
gegenständlichen Wahrnehmung eine täuschende Zweideutigkeit
entdeckt hat, glaubt er sich auch der anderen Frage nach dem
objektiven Wert und Gehalt der verschiedenen Daten des Be-
wusstseins überhoben.®) Die Einwände, die er von diesem Gesichts-
punkt aus gegen Malebranches Idealismus erhebt, haben kein
sachliches, sondern lediglich geschichtliches Interesse; sie bezeugen
die dauernde Unfähigkeit der Philosophie des „gesunden Menschen-
verstandes“, sich auf den Standpunkt des Idealismus zu versetzen.
Sein Spott ist hier ebenso plump als typisch; Zug für Zug wird
man durch ihn insbesondere an die Kritik erinnert, die Nikolai
an Fichte geübt hat.®) An diesem Punkte gewinnt Malebranche
über Arnauld all die Ueberlegenheit, die ihm durch seine metho-
lische Fragestellung verbürgt ist. Er stellt sich die Aufgabe, den
Weg zu verfolgen und zu beschreiben, der von den ersten Anzeigen
der Sinne zum „intelligiblen‘“ Objekt, zum Objekt der strengen
und eindeutigen wissenschaftlichen Erkenntnis hinführt. Die
Optik ist ihm der eigentliche und endgiltige Beweis für den
Unterschied zwischen Perzeption und Gegenstand — denn sie ist
os, die die gedanklichen Schlussfolgerungen und Deutungen auf-
zeigt, die wir an den Daten des Gesichtssinnes vollziehen müssen,
2he wir zu den Begriffen der Lage und Entfernung, ehe wir zur
bestimmten, räumlichen Anordnung der Gegenstände gelangen.“)
Es ist der Weg und die Weisung Descartes’, die Malebranche
hier getreulich befolgt. Der Gegenstand ist ihm das Ergebnis einer
stetig weiterschreitenden und immer vollkommeneren Objek-
tivierung des anfänglichen „Eindrucks“; eines Verfahrens, das
uns zuletzt einzig und allein auf die mathematischen Bestimmun-