fullscreen: Neueste Zeit (Abt. 3)

Beginnender Realismus. 
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noch so gut wie völlig entbehrten. Und so vermochten sie 
denn, so sehr sie immer mehr zu reinen Erfahrungswissen— 
schaften zu werden strebten, schließlich doch nur auf einem 
doppelten Wege vorzudringen: auf der breiten Heerstraße des 
Anschlusses an die bestehenden christlichen, klassizistischen, ro— 
mantischen Weltanschauungen, oder auf den führerlosen Pfaden 
eines agnostischen, gegenüber allen größten Aufgaben noch ver⸗— 
sagenden Empirismus. 
Von diesen beiden Wegen lag nun der Geschichtswissen⸗ 
schaft der erste in jeder Hinsicht näher. Denn schon die 
Kantschen Lehren waren an ihrer Entwicklung nicht spurlos 
vorübergegangen; die Anschauungen der Identitätsphilosophen 
aber, vor allem Fichtes und Schellings, verquickten sich mit 
ihrer eigenen methodologischen Entwicklung in einer Breite und 
mit einer Sicherheit, durch welche mit Rankes Erscheinen die 
Möglichkeit eines höchsten individuellen Aufschwunges geboten 
schien. 
Was Kant der Geschichtswissenschaft sein konnte, das hat, 
trotz der Oberflächlichkeit seiner methodisch-wissenschaftlichen 
Durchbildung im einzelnen, doch niemand besser zur Darstellung 
gebracht als Schiller. Schiller, von göttlichem Berufe Drama— 
tiker, von menschlichem Inhaber einer Geschichtsprofessur an der 
Universität Jena, sah naturgemäß in dem geschichtlichen Verlaufe 
mehr die Auswirkung großer Persönlichkeiten als das stille 
Walten sozialpsychischer Kräfte. Es war eine Anschauung, die 
ihn auf Staat und Staatsmann hinwies. Und dies Moment 
wohl am ehesten verknüpfte ihn mit Kant, in dessen geschichts— 
philosophischem Denken der Staat eine zentrale Stellung ein⸗ 
nahm. So fing er seine historische Laufbahn völlig als 
Kantianer an; seine Rede beim Antritt der Jenaer Professur 
beruhte auf Kants „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in 
weltbürgerlicher Absicht“, und seine Abhandlung über das erste 
Menschengeschlecht geht auf Kants Ausführungen über „den 
mutmaßlichen Anfang der Menschengeschichte“ zurück, verquickt 
sie höchstens noch mit einigen Gedanken Rousseaus. 
Allein bald entwand sich der Dichter einem so engen An—⸗
	        
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