Object: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes Buch. Die Abtrünnigen. 
mühle des Mittelalters bis zur Dampfmühle der Gegenwart, den Übergang 
von der Hausindustrie über die kapitalistische zur Großindustrie viel 
besser, als dies der Fortschritt der freiheitlichen Ideen oder anderer „bürger 
licher Seifenblasen“ des gleichen Kalibers tun können. Das Gleiche gilt 
von der Sklaverei, der Hörigkeit und dem Lohnsystem, wie überhaupt 
von den aufeinander folgenden Zuständen der Zivilisation im Allgemeinen. 
Hier haben wir die wirklichen Grundlagen, oder wie man sagt, den Unter 
bau, worauf alles Übrige sich auf baut. Diese Auffassung, die weit über 
den Rahmen der eigentlichen Volkswirtschaft hinausgeht und eine ganze 
Geschichtsphilosophie darstellt, ist unter dem Namen des historischen 
Materialismus berühmt geworden 1 ). 
x ) Indem die Menschen die Produktionsmethoden ändern, ändern sie auch ihr® 
sozialen Beziehungen. „Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren» 
die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten“ (Elend der Philo 
sophie, S. 101). Doch muß man in diesem oft wiederholten Satz mehr eine pittoreske 
Illustration als eine wissenschaftliche Formel des historischen Materialismus sehem 
Marx drückt sich in dem Vorwort seines Buches Zur Kritik der politischen 
Ökonomie (herausg. von Kautsky, Stuttgart 1909, 3. Aufl. gemäßigter aus. " ir 
führen die bedeutendste Stelle dieser berühmten Seite an (Vorwort, S. LV). 
„In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte’ 
notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse' 
die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen- 
Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur 
Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau ® r 
hebt, und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. D*® 
Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, P° !" 
tischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt. Es ist nicht das Bewußte®' 11 
des Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr i> e ' 
wußtsein bestimmt.“ . 
Das Wort „bestimmt“, auch wenn es durch „im Allgemeinen“ abgesehwä® 11 
wird (das Wort „überhaupt“ des angeführten deutschen Textes ist in der vom Verfass® 
benutzten franz. Übersetzung durch „en göneral“ wiedergegeben worden. D. Übers-h 
erschien trotzdem etwas stark, und der heutige Marxismus hat es durch das Wo 
„erklärt“ ersetzt, das eher annehmbar ist. So schreibt Labriola: „Es handelt sic 
letzten Endes nur darum, alle historischen Tatsachen des wirtschaftlichen Unterbau 
zu erklären“ (Conception mat6rialiste, S. 120). 
Diese These des historischen Materialismus findet sich in verblüffenden P^ 
alt 
die 
doxen in La Constitution Sociale von Loria entwickelt. Man sieht da, wie 
ganze Geschichte, alle Kriege, die Welfen und die Ghibellinon, die Reformation, 
französische Revolution und sogar Christi Tod auf Golgatha, auf dem „wirtscha 
liehen Unterbau“ beruhen, — doch ist für Loria der Hauptfaktor, der allen and® reI ^ 
als Grundlage dient, nicht die industrielle Technik, sondern die Ordnung des Bode® 
besitzes. (Siehe weiter unten im Kap. über die Rente.) 
Doch würde es ungenau 
sein, im Marxismus den Ausdruck eines Fatalist 1 '* 
oder auch nur eines bis zum äußersten getriebenen Determinismus zu sehen. V 
Marxismus erhebt den Anspruch, ein Erzieher zur Energie zu sein, was er auch wirk! 1 ® 
ist. Die Arbeiter müssen, nachdem sie klar gesehen haben, wo ihre Interessen P e % e J 
mit allen ihren Kräften in dieser Richtung arbeiten. Nur brauchen sie zum Han d ® 
sich nicht vorher ein zu erreichendes Ziel zu stecken. „Alles, was in der Geschm
	        
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