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Zweites Buch. Die Gegner.
er die „Armen“ nennt, nämlich denen, die zur Beschaffung ihres Lebens
unterhaltes nur ihre Hände haben, und die vom Morgen bis zum Abend
in den Fabriken oder auf den Feldern sich abmühen. Denn sind sie es
nicht, die die Mehrheit der Bevölkerung bilden, und das, was ihn vor
Allem interessiert, sind die Wirkungen, die die Erfindung der Maschinen,
die Freiheit der Konkurrenz und die Herrschaft des Eigentums auf das
Schicksal dieser Armen ausüben. „Die Nationalökonomie“, so sagt er
an einer Stelle, „wird letzten Grundes zu einer großen Theorie der
Wohlfahrt, und alles was nicht in seinem Endzweck zum Glück der
Menschen beiträgt, gehört keineswegs zu dieser Wissenschaft“ 1 ).
Was Sismondi in Wirklichkeit beschäftigt, ist weniger die National
ökonomie, als das, was man seitdem in Frankreich „Economie sociale“
und in Deutschland „Sozialpolitik“ genannt hat. Seine originelle Leistung
besteht darin, ihr Studium begründet zu haben. J.-B. Say behandelt diese
Definitionen, die in so starkem Gegensatz zu seinen eigenen stehen, hoch
mütig, wie folgt: „Herr von Sismondi nennt die Nationalökonomie die
Wissenschaft, deren Aufgabe es ist, über das Glück des
Menschengeschlechts zu wachen. Zweifellos hat er sagen wollen:
die Wissenschaft, die DIE besitzen müssen, deren Aufgabe es ist, über
das Glück des Menschengeschlechts zu wachen; natürlich müssen die
Regierenden, wenn sie ihren Aufgaben gerecht werden wollen, die National
ökonomie kennen, aber das Glück des Menschengeschlechts würde auf
sehr schwachen Füßen stehen, wenn es, anstatt auf der Intelligenz und
der Arbeit der Regierten zu beruhen, von einer Regierung abhinge.“
(Cours complet, II, 551.) Und er fügt hinzu: „Es liegt an den durch
das System der Bevormundung verbreiteten falschen Begriffen, daß die
meisten deutschen Schriftsteller die Nationalökonomie als die Wissenschaft
der Verwaltung ansehen.“
§ 2. Kritik der Überproduktion und der Konkurrenz.
Die „chrematistische Schule“ hat sich über die zu verfolgende Methode
und sogar über den Gegenstand der Nationalökonomie geirrt. Daher ist
es weiter nicht erstaunlich, das; sie auch zu falschen praktischen Schluß
folgerungen gekommen ist. Die chrematistische Schule hat zur unbe
grenzten Produktion angeregt - sie hat die Wohltaten der Konkurrenz
ohne Einschränkung gelobt — und als Schlußfolgerung hat sie die Har
monie der Interessen und die Nichteinmischung der Regierung aufgestellt-
Das sind die drei wesentlichen Punkte, in denen Sismondi sie angreift.
*) Nouv. Princ., II, S. 250; an anderer Stelle sagt er: „Wenn die Verwaltung
sich vornehmen sollte, eine der Klassen dos Volkes vor der anderen zu begünstigen»
so sollten es gerade die Tagelöhner sein, die sie bevorzugen sollte“ (Nouv. Princ., 1»
S. 372).