Die Schranken der „Verstandeskritik“.
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punkt und der feste Halt für die Analyse der Verstandesfunktionen
gewonnen. Wir können geschichtlich verfolgen, wie für jede
einzelne Kategorie, wie insbesondere für Substanz und Kausalität
diese Einsicht gesondert erkämpft und befestigt werden musste:
eine Entwicklung, die erst durch den immanenten Fortschritt der
mathematischen und naturwissenschaftlichen Forschung ermög-
licht und geleitet wurde. Hier indes, bei Denkern, die dieser
Entwicklung im Ganzen fernstehen, kann es nur zu einem allge-
meinen Apercu kommen, das seine Kraft nicht in der konkreten
Anwendung und Durchführung zu bewähren vermag. Geulincx
wie Burthogge verfolgen den Cartesischen Weg: beide aber wer-
den eben damit zu Kritikern der „klaren und deutlichen Per-
ception“. Sie erkennen und messen den Abstand zwischen den
Verstandesgesetzen und der absoluten Wirklichkeit; aber sie
vermögen dieser Erkenntnis nur dadurch Ausdruck zu geben, dass
sie den Wert der Grundbegriffe selbst schmälern und herabsetzen,
Bei Burthogge insbesondere entfernt sich, wie wir sahen, der
Verstand, je mehr er den unmittelbaren Wahrnehmungsstoff be-
arbeitet und „sublimiert‘“, um so sicherer von dem wahrhaften
Sein der Dinge. Sowenig wir dem Bilde im Spiegel, das wir doch
evident und unzweideutig vor uns erblicken, eine wesenhafte Wirk-
lichkeit zuschreiben dürfen, so wenig darf uns die Erscheinung
und ihr intellektuelles Kennzeichen der Massstab der Wahrheit
werden.2) Dieser Gegensatz von Erscheinung und Wahrheit
musste erst überwunden, die Einsicht, dass wir in dem Inbegrifl
der Phänomene das „Innere der Natur“ besitzen, musste erst ge-
veift sein, ehe eine neue Fragestellung einsetzen konnte. Auf sie
sah sich bereits Descartes hingewiesen; auch er musste, in den
Regeln, zur Rechtfertigung jedes einzelnen Schrittes seiner Kr-
kenntnislehre beständig erklären, dass es sich in den begrifflichen
Setzungen, die er einführt, nicht darum handelt, neue Wesen-
heiten zu bezeichnen und zu ersinnen, sondern gedankliche
Mittel zur Beherrschung der Erscheinungen zu schaffen. (S. ob.
5. 387 u. 3901f.) Im Ganzen seiner Philosophie aber vermochte er
diese Grenze nicht einzuhalten, sondern musste zuletzt Gemeinbe-
griffen und Voraussetzungen der Scholastik den Rang und die Unan-
tastbarkeit axiomatischer Sätze zusprechen. Indem er aber den
Grundbegriffen metaphysische Anwendbarkeit verstattete, ge-