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Milch und Molkerei-Erzeugnisse.
Das für diese Untersuchung vorgesohlagene, von Dietzsch veränderte Verfahren
ist folgendes;
Ein kleiner viereckiger Glaskasten mit Blechboden von der Größe eines hohen
Zigarrenkistohens wird mit Wasser von 46° gefüllt. Auf dem Rande des Kastens liegen
durchlöcherte Blechstreifen, deren Öffnungen so groß sind, daß dieselben Reagensgläser
von 2Vä cm Durchmesser fassen. Die 15 cm hohen, zuvor durch Erhitzen auf 150—160°
sterilisierten und mit sterilisiertem Wattepfropfen verstopften Reagensgläsohen werden
etwa 3 / 4 mit der zu untersuchenden Milch gefüllt, mit dem Wattepfropfen schnell geschlossen
und in das auf 45° erwärmte Wasser gesenkt. Durch eine kleine Flamme hält man das
Wasser des Kastens 12 Stunden lang auf 45°; durch zeitweiliges Naohschauen sieht man,
welche Veränderung mit der Milch vor sich geht.
Ist dieselbe nach 12 Stunden nicht geronnen, so kann man von einer gesunden
Beschaffenheit und Haltbarkeit der Milch überzeugt sein. Findet indes schon nach
9 Stunden ein Gerinnen statt, so ist dieselbe als verdächtig zu bezeichnen und verlangt
eine wiederholte Revision.
Eine Milch, welche schon nach 6 Stunden eine Veränderung erlitten hat, einen
unangenehmen Geruch zeigt, geronnen oder flockig geworden ist, Kohlensäurebläschen
entwickelt usw., ist zu beanstanden, von der Käserei auszuschließen und verlangt eine
aufmerksame Forschung nach der Ursache des vorzeitigen Verderbens.
Es ist einleuchtend, daß die Garprobe nur bei einer frischen oder höchstens wenige
Stunden alten Milch von Wert sein kann; denn wenn im Hochsommer eine am Abend
gemolkene Milch am folgenden Morgen dieser Probe unterworfen wird, so ist so viel Zeit
verflossen, dass die nicht von der Milch fernzuhaltenden Pilze sich in so großer Menge
vermehrt haben, daß die Säuerung und das Gerinnen schon sehr früh eintreten müssen.
Auch kann eine einmalige Probe nicht stichhaltig sein für die Beurteilung der Haltbarkeit
der Milch; nur durch 3—4 Tage hintereinander angestellte Garproben der Milch eines
Viehstapels lassen sich Urteile über Tauglichkeit oder Untauglichkeit derselben für Molkerei
oder Genußzwecke gewinnen.
b) Kaseinprobe nach Schaffer. Nach Schaffer wird dieselbe folgendermaßen
ausgeführt : 100 ccm Milch werden in mit Marke versehene Milchgläser gegeben, welche in
ein Wasserbad von 35° eintauchen. Ferner löst man eine Hansensche Labtablette (kleinste
Nummer) in Wasser von 25—30° und füllt auf */ 2 1 auf. Von dieser Lablösung werden
2 ccm jenen auf 35° erwärmten 100 ccm Milch zugegeben, durch Schütteln und Umrühren
gemischt und die Gläser wieder in das Wasserbad gesenkt. Darauf wird durch häufiges
Nachschauen beobachtet, wann ein vollständiges Gerinnen eintritt.
Normale frische Milch gerinnt in kaum weniger als 10 und kaum mehr als 20 Minuten
vollständig und gleichmäßig. Dauert die Gerinnung sehr lange oder tritt sie gar nicht ein,
ist ferner das Gerinnsel ungleichmäßig klumpig oder feinflockig und die Molke milchig,
so ist die Milch zum Käsen nicht brauchbar. Kolostrum- (Biestmilch) und saure Milch
sollen schon nach 7—8 Minuten, dagegen räße oder salzige Milch nur teilweise oder gar
nicht gerinnen (dicken). Milch von fieberkranken Tieren gerinnt nur langsam und solche
von Tieren mit Euterentzündung soll flockig gerinnen.
Die Meinungen über die Brauchbarkeit dieses Verfahrens zur Auffindung von Milch
fehlern sind sehr verschieden und werden namentlich die oben angeführten Angaben über
das Verhalten verschiedenartig kranker Milch als nicht immer zutreffend angezweifelt.
c) Labgärprobe nach Diethelm. Ein drittes ähnliches Verfahren ist die Labgär
probe von Diethelm. Dieselbe ist in ihrer Ausführung eine Abänderung der gewöhn
lichen Gärprobe, indem der Milch in den Probegläschen einfach 2 ccm frische Labflüssigkeit
(wie sie zur Kaseinprobe verwendet wird) zugesetzt werden. Die Milch gerinnt dann
schon nach kurzer Zeit. Nach 12-stündigem Stehen werden die Käschen auf ihre Form
und Lochung untersucht. Die zylindrischen Käschen erscheinen entweder gerade oder
spiralig gewunden oder gebläht oder zerrissen, blasig und rissig. Schneidet man sie aus
einander, so sind sie entweder gleichmäßig dicht oder haben ganz kleine wenige Löcher
oder sind großlochig, blasig oder rissig. Manchmal haben sich gar keine Käschen gebildet,
sondern die Kaseinmasse liegt als zerrissene, flockige Masse am Boden. Auch die Molke