Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Bildende Kunst. 
ihrer Höhe weit herabgesunken. Wo huldigten ihnen noch 
große Künstler wie einstens Dürer und Rembrandt? Teilweis 
schon seit Marcanton, erst recht dann seit der Zeit der Rubens— 
stecher und ihrer Nachfolger im 18. Jahrhundert hatten sie, 
nun Sklavinnen des Pinsels und Meißels, zumeist der Re— 
produktion von Kunstwerken der Malerei und Bildnerei gedient 
und demgemäß illustrativen Charakter angenommen. Und das 
war im 19. Jahrhundert noch schlechter geworden. Zwar der 
Linienkupferstich hielt sich in der Wiedergabe der größten 
Meisterwerke der Malerei ungefähr noch auf alter Höhe, aber 
für die einfache Illustration traten Lithographie, Holzschnitt 
und auch der unkünstlerische Stahlstich so vernichtend in Wett— 
bewerb, daß die Radierungen fast ganz, der Kupferstich beinahe 
oerschwanden. 
Sollten demgegenüber beide Techniken wieder Gefäße künst— 
lerischen Schaffens werden, so bedurfte es der Loslösung von 
der Illustration und des Eintritts eines Augenblicks, in dem 
sie zugleich berufen erschienen, der allgemeinen entwicklungs— 
geschichtlichen Richtung des malerischen Auges zu besonders 
leichtem Ausdruck zu verhelfen. Dieser Moment kam mit dem 
Impressionismus, wenigstens für die Radierung: denn keine 
andere Schwarzweißtechnik ist auch nur annähernd in gleicher 
Weise wie sie imstande, das Licht in dem bloßen Gegensatze 
zweier Farben lebendig zu machen. 
Klinger ist in deutschen Landen der größte Meister der 
neuen Kunst, die damit möglich ward. Und schon sehr früh, 
zwanzigjährig, begann er von ganz bestimmten Gesichtspunkten 
her in ihr zu schaffen. Er selbst hat später in seinem 1891 
geschriebenen, 1893 veröffentlichten Büchlein über die Griffel— 
kunst ausgeführt, was ihm vor allem als Vorzug der Radierungs— 
kunst erscheint: die Möglichkeit, schärfste Gegensätze von Licht 
und Schatten bis zur Darstellung von direktem Licht und 
direkter Dunkelheit herauszuarbeiten; die Freiheit zu scharfer 
Betonung des Rhythmus und der Bewegung, und dadurch der 
Handlung, auf dem Wege zeichnerischen Umrisses; die Mög— 
lichkeit, ohne definierten Hintergrund darzustellen; das leichte
	        
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