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164 Neunzehntes Buch. Viertes Kapitel. 
entwickelt, und zahlreiche Übertritte frommsinniger Protestanten 
bezeugten, daß dem religiösen Bedürfnisse im Schoße der alten 
Kirche besser genügt wurde, als in dem der neuen. 
Unter den protestantischen Kirchen aber hat wiederum die 
Entwicklung des Luthertums dem Pietismus weit mehr Nahrung 
geboten als die des reformierten Bekenntnisses. Schon die Tat—⸗ 
sache, daß die reformierte Konfession sich weit später zu absolut 
fester Form abschloß, und ihr selbst dann noch gegenüber dem 
Luthertum freierer Charakter waren hier wohl von Einfluß: 
sie ließen der Frömmigkeit besseren Lauf und setzten religiösen 
Skrupeln lässigere Schranken. Von durchschlagender Bedeutung 
aber war wohl der Unterschied auf dem Gebiete der Kirchen— 
verfassung. Jede in ihrer Verfassung und in ihrem Gemeinde⸗ 
dienste lebendige Kirche gewährt dem Gläubigen ein Doppeltes: 
sittlich-religiösen Halt und Befriedigung fromm-religiöser Ge— 
fühle. Von ihnen ist aber der sittliche Halt nur durch die 
Institution der Kirche und ihr kräftiges Leben gewährleistet: 
denn Sittlichkeit ist Erzeugnis gemeinsamen Daseins. Fällt 
daher das. Gemeindeleben hinweg oder beginnt es zu verdorren, 
so leidet die eine, die sittliche Seite der Religiosität, und die 
andere, die des frommen Dranges nach oben, unter Umständen die 
spekulative, wird überwiegen. Damit tritt denn die Absonde— 
rung eben der Frommen von der Kirche und mit ihr die Er—⸗ 
scheinung der Askese, der Mystik, des Pietismus ein. Ein 
kräftiges Gemeindeleben wird mithin die pietistis ch-separatistische 
Frömmigkeit zurücktreten lassen, ein schwaches wird sie be— 
günstigen. Nun unterliegt es aber keinem Zweifel, daß schon 
im 17. Jahrhundert die reformierte Kirche der lutherischen an 
Innigkeit und innerem Zusammenhange des Gemeindelebens 
üͤberlegen war; und vor allem in dem Augenblicke, da sie sich 
dogmatisch abschloß, zur Zeit der Dordrechter Synode, hatte sie 
sich diesen Schatz zu wahren gewußt: sogar zum Hausgottesdienst 
enthalten die Akten dieser Synode eine besondere Mahnung. 
Und so hat sich der Intellektualismus des Zeitalters dem 
reformierten Bekenntnis weit weniger zerstörend bemerklich ge— 
macht als dem lutherischen, obwohl dieses seiner Natur nach
	        
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