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Eisenbahnen: Signalwesen nnd Weichensichernng.
Die sieben wichtigeren Gruppen seien hier kurz erörtert.
Läutewerke. Die elektrischen Läutewerke sind bei uns an die Stelle der alten
durchgehenden Streckensignale getreten. Wie schon erwähnt, versagten die letzteren mit
unter, und Abhilfe that not. Durch die Erfindung der elektrischen Telegraphie wurde sie
gründlichst geschaffen. Gauß und Weber hatten 1833 der staunenden Welt zum ersten
mal die elektrische Fernzeichengabe auf etwas größere Entfernung in Göttingen vorgeführt.
Noch bedienten sie sich zweier Kupferdrähte für Hin- und Rückleitung des Stromes. Da
machte Steinheil in München die hochbedeutsame Entdeckung von der Erdleitung und
zeigte damit, daß zum Telegraphieren nur ein Draht und damit die halbe Anlagesumme
für die Kupferleitung erforderlich ist. Er vereinfachte nnd verbesserte auch wesentlich die
Vorrichtung zur Zeichengabe und ist der eigentliche Begründer unserer heutigen Tele
graphie, zumal die Vorschläge, die Weber 1835 der
Leipzig-Dresdener Eisenbahn-Gesellschaft zur Einrichtung
der elektrischen Telegraphie gemacht hatte, nicht durch
führbar waren. Morse erfand dann die in Amerika und
auf dem europäischen Festlande schnell verbreitete nach
ihm benannte elektromagnetische Schreibvorrichtung (Fern
schreiber) , welche mit Hilfe eines aus Strichen und
Punkten gebildeten Alphabetes der Empfangsstation die
elektrisch weitergegebene Mitteilung vorlegt. Cooke,
Wheatstone u. a. verbesserten die seitdem in England zur
Zeichengabe gebräuchliche Zeiger- und Nadelvorrichtung,
und so war bald in der ganzen Eisenbahnwelt ein (in
der Folge weiter entwickeltes) Mittel in Benutzung, durch
das sich die Stationen mit Blitzesschnelle sicher über den
Abgang und die Ankunft der Züge u. s. w. verständigen
konnten.
Doch dem Streckenpersonale war erst geholfen, als
fast gleichzeitig mit der Morse-Erfindung es dem Berliner
Mechaniker Leonhardt gelang, die Elektrizität auch für
die durchgehenden Signale dienstbar zu machen. Nach
seinem Vorschlage wurde im Herbst 1846 zuerst auf der
thüringischen Eisenbahn jedes Wärterhaus mit einer stark
tönenden Glocke versehen, deren Anschlaghammer durch
ein vom Wärter aufzuziehendes Uhrwerk (mit Gewichts-
säSi^ü antrieb) in Thätigkeit gesetzt wurde, sobald es die Ab
gangsstation auf elektrischem Wege auslöste. Da die
" T Leitung hierfür zwischen je zwei Nachbarstationen durch
mit Dopp-l"wcke. die Erde geschlossen wird (Kreisschluß), so ertönen bei
dieser Auslösung nur die Läutewerke zwischen diesen beiden
Stationen. Die Einlösung besorgt das Uhrwerk selbstthätig. Den Bahnwärtern können
also je nach der Zahl der Hammer- bezw. Glockenschläge gewisse Signale mitgeteilt
werden. Die nächste Bahnlinie, welche mit Läutewerken ausgestattet wurde, war die
zwischen Magdeburg und Buckau. Ihre Läutewerke wurden von Kramer unter Ver
wertung des Leonhardtschen Gedankens selbständig ausgeführt.
Der Blitzgefahr wegen (vergl. Fußnote S. 311) stellte man sie in besonderen, zuerst
hölzernen, in der Folge eisernen Häuschen neben den Wärterbuden auf. Man betrieb die
Läutewerke anfangs durch Batterien (mit Arbeitsstrom oder Ruhestrom). Es zeigte sich
aber, daß bei diesem schwachen Strome die Auslösung des Glockenhammers viel zu em
pfindlich war und schon durch die Erschütterungen, die ein vorbeifahrender Zug verursacht,
in Thätigkeit gesetzt werden konnte. Siemens & Halske in Berlin schlugen deshalb eine
steifere Auslösung und stärkeren Strom vor, wie er durch ihren Magnetinduktor (vgl. Fuß
note S. 309) erzeugt wird. Die Verbesserung war so augenscheinlich, daß sie schnell den
Batteriestrom verdrängte. Seitdem werden die Läutewerke ausschließlich durch Jnduktions-