Kapitel II. Saint Simon, die Saint-Simonisten u. d. Ursprung des Kollektivismus. 245
§ 3. Die Bedeutung des Saint-Simonismus in der
Geschichte der Doktrinen.
Bei den Saint-Simonisten vermischen sich Utopien und Realismus
in einer merkwürdigen Weise. Ihr Sozialismus, der nichts Volkstümliches
an sich hat und sich hauptsächlich an die gebildeten Klassen wendet,
beruht nicht auf der Kenntnis des Lebens der Arbeiter, sondern auf der
Beobachtung und einem sehr richtigen Gefühl für die großen wirtschaft
lichen Strömungen ihrer Zeit.
Sobald die Schule aufgelöst war, sieht man die hervorragendsten
Saint-Simonisten einen tätigen Anteil an der wirtschaftlichen Ver
waltung Frankreichs nehmen und sich an allen finanziellen oder indu
striellen Unternehmungen beteiligen. Die Gebrüder Pereire gründen
1S63 den Credit Mobilier, das Vorbild der großen heutigen Finanzgesell
schaften. Enfantin nimmt an der Gründung der Linie P. L. M. (Paris—
Lyon—Mediterranöe), die aus der Fusion der Linien Paris—Lyon, Lyon-
Avignon, Avignon—Marseille entstand, tätigen Anteil; als erster bildete
er eine Gesellschaft für den Durchstich des Isthmus von Suez. Michel
Chevalier verteidigte am College de France die Initiative des Staates
bei den großen öffentlichen Arbeiten und führte die Verhandlungen be
treffs des Vertrages von 1860 mit England, der für Frankreich die Ära
der Handelsfreiheit eröffnete. Man könnte noch viele andere Beispiele
anführen für die bedeutende Rolle, die sie in der wirtschaftlichen Ge
schichte des 19. Jahrhunderts gespielt haben 1 ).
Im Besonderen haben sie den enormen Einfluß, den die großen
Banken und die zentralisierten Unternehmungen in unserem modernen
eines Volkes sind nur die Folgen seiner Ideen“ (CEuvres, III, S. 31). „An anderer
Stelle sagt er: „Die Philosophie hat die bedeutendsten politischen Einrichtungen ge
schaffen; sie allein besitzt genügende Macht, um den Einfluß veralteter Einrichtungen
zu brechen und neue zu bilden, die sich auf eine vervollkommnete Lehre gründen
(Sys. indust., (Euvres, V, S. 167). Er legt besonderes Gewicht auf die Rolle, die
(iie Philanthropen in der Schaffung der neuen Gesellschaft spielen sollen. Die
Wahrheit, „die sich durch das Vorwärtsschreiten der Zivilisation ergeben hat,
’st, daß die leidenschaftliche Hingabe an das öffentliche Wohl weit wirksamer ist,
'J m politische Verbesserungen durchzuführen, als der Egoismus der Klassen, die von
diesen Veränderungen aus am meisten zu gewinnen haben. Mit einem Wort, die Er-
ahrung hat erwiesen, daß die, die am höchsten an der Einführung eines neuen Zu
stands der Dinge interessiert sind, nicht unter denen gesucht werden dürfen, die am
p ri S s ten daran arbeiten, sie herbeizuführen“ (CEuvres, VI, S. 120). Ein schärferer
Gegensatz zu den Ideen Marx’ ist kaum denkbar, besonders gegenüber der bekannten
t’ormel: „Die Emanzipation der Arbeiterklasse wird das Werk der Arbeiterklasse
selbst sein.“
, l ) Vgl. hierüber: Weil, L’ficole Saint-Simonienne (1896) und Charlety,
’stoire du Saint-Simonisme (1896).