Das Wesen der Gemeinschaft.
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einen Dauercharakter. Die Dauer braucht nicht so groß zu sein wie bei
den Lebensgemeinschaften oder den organisatorisch begründeten Gemein-
schaften; stets aber ist das Verhältnis nicht von derjenigen Flüchtigkeit
wie etwa ein kurzes Wechselgespräch, sondern wenigstens von einer ge-
wissen Dauer, mag diese auch relativ gering sein, wie etwa bei einer Ge-
meinschaft von Haus aus sich fremd gegenüberstehender Menschen, die
durch einen gemeinsamen Unfall ins Leben gerufen wird und mit der
Beseitigung seiner Folgen wieder erlischt. Dieser Dauercharakter ergibt
sich mit Notwendigkeit aus dem Wesen der hier vorhandenen inneren
Verbundenheit. Wenn wir die innere Verbundenheit früher als charak-
teristisch für das Wesen des Soziallebens überhaupt ansprachen, so dach-
ten wir dabei zunächst nur an eine Verbundenheit in einzelnen Erleb-
nissen als solchen; eine solche ist in der Tat vorübergehender Natur.
Das Wesen der Gemeinschaft aber besteht darin, daß ihre Mitglieder
nicht nur in ihren Erlebnissen, sondern als Personen. d. h. in ihrem
Wesen, in ihrem Sein verbunden sind.
Damit hängt die folgende wichtige Tatsache zusammen: Ein Er-
lebnis vermag von sich aus keine Gemeinschaft zu er-
zeugen. Wenn eine Schar von Menschen zusammen etwas unternimmt
oder erlebt, z. B. zusammen wandert oder eine Versammlung besucht, so
hat dieser Vorgang an sich keine gemeinschaftsbildende Kraft. Die
Menschen können bei dem Erlebnis einander als Personen genau so fremd
bleiben, wie sie es vorher waren. Wo scheinbar das Gegenteil der Fail
ist, da hat entweder bereits vorher eine latente Gemeinschaft bestanden,
die erst durch das gemeinsame Erlebnis zum Bewußtsein kommt, oder
das gleiche Erlebnis ruft eine innere Annäherung der beteiligten Per-
sonen hervor, und erst vermöge dieser entsteht ein Gemeinschaftsverhält-
nis. Eine derartige Annäherung aber erfolgt immer nur unter beson-
deren Bedingungen. Sie ist keineswegs selbstverständlich mit dem
gleichen Erlebnis an sich gegeben. Das gemeinsame Wandern, Tanzen
und Singen ist bei unserer Jugend allerdings vielfach der Anlaß geworden
für die Gemeinschaft des Wandervogels. Aber mit mindestens ebensoviel
Recht kann man auch umgekehrt sagen: dieses gemeinsame Wandern,
Singen und Tanzen war der Ausdruck einer bestehenden Gemeinschafts-
tendenz. Es bestand unter den Beteiligten von Anfang an eine weit-
gehende Gleichheit der Gesinnung und ein starkes Gemeinschaftsbedürf-
nis: nur auf dieser Grundlage konnte das Wandern eine Gemeinschaft
zwar nicht stiften, aber doch auslösen. Eine Schar begeisterter Zuhörer
in einem Konzertsaal kann in ihrem Affekt noch so einig sein, sie bildet
darum doch keine Gemeinschaft: jeder fühlt sich zwar in dem allgemeinen
Meer des Beifalls den andern in einem gewissen Sinne nähergerückt, aber
von einem wirklichen Zusammenfließen im Ichhewußtsein. von einem