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Es fragt sich nun, könnte nicht auch der Staat sich die Verfügungsgewalt
über jene Gegenstände sichern, welche heute so wirksam sind? Der Städter
bringt dem Bauern Tabak? Wer gibt dem Städter in Österreich den Tabak?
Der Staat ! Wer versetzt den Städter in die Möglichkeit, aufs Land fahren zu
können? Der Staat, indem er die Bahnen für den technisch äußerst unvoll
kommenen Rucksackverkehr zur Verfügung stellt, der ebenso wie das „An
stellen“ ein Schandfleck für den Rationalismus dieses Zeitalters bleiben wird.
Wer gibt Arbeitern, Beamten, zum Teil absichtlich, die Möglichkeit, die Höchst
preise zu überschreiten? Der Staat und die Fabriken, welche der Staat durch hohe
Preise dazu befähigt, indem den erwähnten Kreisen statt Naturalien erhöhte Ge
hälter zugewiesen werden. Die Behörden drücken oft beide Augen zu, wenn
Kohlengruben einen Teil der Kohle verwenden, um im Tauschhandel Lebensmittel
zu beschaffen, wenn Petroleumgruben das gleidie tun. Ja, es kommt vor, daß
sie Überschreitung von Höchstpreisen nahelegen, um Streiks zu verhindern.
Wenn der Tauschhandel solche Wunder wirkt, weshalb nimmt ihn der Staat
nicht in die Hand? Vor allem deshalb nicht, weil Vorurteile gegen ihn be
stehen, insbesondere manche für die Valuta vieles befürchten. Es fragt sich,
ob man im Interesse einer klaglosen Ernährung nicht auch die Valuta schädigen
dürfe ; vor allem aber zeigt sich, wie wir unten andeuten werden, daß diese
Sorge an sich unberechtigt ist. Es bleibt vor allem die Scheu vor dem Un
gewohnten, dem Neuen bestehen. Man läßt nicht gerne die alteingewurzelte
Anschauung fahren, daß die Geldordnung unter allen Umständen das voll
kommenste Werkzeug der Wirtschaft sei.
Heute findet der Tauschhandel, insbesondere in der Nähe der Großstädte,
in völlig ungeregelter Weise statt. Die Bewohner von Wien stürzen sich mit
Tabak, Zucker, Leinwand, Schmuck usw. auf die Bauernschaft und überbieten
einander, ohne systematisch die Mehrerzeugung anzuregen. Der Staat könnte
mit der gleichen Menge Tabak, Zucker, Leinwand usw. durch systematisches
Vorgehen einerseits größere Mengen Lebensmittel aufbringen, anderseits aber,
und das ist sehr wichtig, durch Schaffung geeigneter Naturalprämien die
Mehrproduktion anregen. Der Staat könnte z. B. Tabakprämien
schaffen, den Mehrerlös an Lebensmitteln zu Naturalprämien für Bergarbeiter
verwenden, den Mehrertrag an Kohle in Verbindung mit einem Überschuß an
Lebensmitteln zu Prämien für Städter, welche Wolle, Messing, Leinwand usw.
abliefern oder gewisse staatswichtige Arbeiten, etwa bei der Lebensmittelver
teilung usw., auf sich nehmen. Es müßte systematisch festgestellt werden, wo
überall geeignet angewendete Naturalprämien ungeweckte Kräfte be
leben könnten. Menschen, welche für Geld kaum zu einer Arbeitsleistung
zu haben sind, können für Naturalien leicht zu einer solchen veranlaßt werden.
Der gesamte Sammeldienst könnte mit weit geringerem Personenaufwande durch
geführt werden, wenn Seife, Kohle usw. als Prämien dienten, was ja gelegent
lich mit Erfolg geschehen ist ; so wurde z. B. für die Ablieferung von Gerber
rinde Leder gezahlt und ähnliches mehr. Der Bauer müßte auf diese Weise
Industrieartikel, wie Stricke, Wagenschmiere, Kleider usw. erhalten, was über
dies seine Produktionsfähigkeit förderte, der Städter vor allem Lebensmittel,
was ebenfalls seine Leistungsfähigkeit steigert.
Diese Art Maßnahmen, welche durch allgemeine Steigerung der Leistungen
die Gesamtversorgung bessern, die Verteilung gleichmäßiger gestalten könnten,
würden vor allem deshalb besser als Strafen sein, weil sie die verhaßteste
Form des Zwanges vermeiden. Wer keine Butter abliefert, bekommt eben
keinen Tabak, kein Leder, keine Textilprämie, im übrigen ist er in seinem Tun,
wenn nicht grobe Verstöße vorliegen, unberührt. Die Strafdrohung dagegen
führt zu Untersuchungen, Verfolgungen, Bedrückungen aller Art. Der Ausfall
der Prämie ist selbst schon die Strafe, sie ereilt den Täter unfehlbar. Die
Strafe für Schleichhandel dagegen ist unsicher, wer ihr entgeht, hat seinen
Vorteil gesichert. Überdies darf man nicht übersehen, daß der Drang zum
Schleichhandel wesentlich verringert wird, wenn man auf ehrlichem Wege eine,
wenn auch vielleicht etwas kleinere, Menge Kohle, Tabak, Butter usw. er
langen kann. Die Behörde hat dann übrigens die Macht über Rohstoffe mög
lichst lange in ihrer Hand, die sie heute oft leichtsinnig weggibt, ohne eine