VII. Die Entstehung des modernen Kapitalismus.
streben beseelt. Wie es dort Händler mittlern und kleinen Be-
triebs, Handwerker und Landleute!) gibt, die einen wahren
Fanatismus des Gewinnstrebens bekunden, so gibt es heute
Banken, die bei dem erreichten Umfang ihres Betriebs stehen
bleiben wollen, Warengroßhändler, die sich an ihrer alten lieben
Kundschaft genügen lassen, Fabrikanten, die die alten Bezie-
hungen gerade noch festhalten. Deren Betriebe unterscheiden
sich in der Verfassung in nichts von solchen, deren Leiter ein
sanatissches Gewinnstreben zeigen. Aber so viel Eifer des Ge-
winnstrebens wir im Mittelalter beobachten können, es kommt
nicht zum Kapitalismus, weil teils natürliche (Verkehrshinder-
nisse, geringerer Vorrat an überkommenem Kapital), teils Ver-
fassungshindernisse der Ausdehnung der Betriebe eine Grenze
zogen.
Zu allen Zeiten kommt der nach möglichst viel Gewinne
strebende Mensch vor?), wie auch zu allen Zeiten sein Gegenteil.
In den Jahrhunderten der Vergangenheit in jedem, der eifrig
auf Gewinn ausgeht, einen „modernen Menschen“, einen
„modernen Kapitalisten“ zu sehen®), das erinnert an das Ver-
fahren, in jedem Menschen des Mittelalters, der sich recht ge-
waltsam gebärdet, einen Renaissancemenschen zu wittern!).
Wenn Brentano den „Handel“ für den ersten kapitalistischen
Wirtschaftsbetrieb erklärt, so ist gewiß bei dem Handel das Ge-
winnstreben stärker vorhanden als bei irgend einem andern
Beruf. Der Händler strebt unmittelbar, in jeder Betätigung
seines Berufs nach Gewinn. Und alle Handlungen, vermöge
deren der Handwerker und der Landmann Gewinn von ihrer
Arbeit zu erzielen suchen, sind solche des Kaufmanns an sich.
Aber es hat Jahrhunderte, Jahrtausende Kaufleute gegeben,
!) Vgl. z. B. oben S. 375 Anm. 3.
2?) Ich gehe hier nicht auf die Uranfänge des Handels (stummer
Handel usw.) ein, sondern beschränke mich auf die Zeiten seit dem
Auftauchen der Geldwirtschaft, die sich im Mittelalter im 12. Jahrh.
ia schon recht bemerklich macht.
?) Vgl. dazu Passsow's Buch S. 104 Anm. 3.
) Val. m. Ursachen der Reformation S. 81 Anm. J:
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