216 ; Erster geschichtlicher Teil
bewegt, die gesellschaftliche Ordnung, welche die Tätigkeit befruchtet,
die Naturkräfte, die zu Gebote stehen, aber auch die Entwicklung
der Gesetze der Religiosität, Moral und Intelligenz, die Sicherheit
der Person und des Eigentums,
Von diesem Standpunkt aus kann List mit Recht sagen: „Es
ist Beschränktheit, das gegenwärtige Vermögen der produktiven
Kräfte überhaupt zum Maßstab dafür zu nehmen, wieviele Menschen
auf einer gegebenen Strecke Landes sich ernähren können“. Er
führt aus, wie schon bisher die Fortschritte der Produktion den Ertrag
des Bodens um ein Vielfaches vermehrt hätten. „Und welche Kräfte
mögen noch in den Eingeweiden der Erde verschlossen sein? Man
setze nur den Fall, durch eine neue Entdeckung werde man in den
Stand gesetzt, ohne Hülfe der jetzt bekannten Brennmaterialien, überall
auf wohlfeile Weise Wärme zu erzeugen; welche Strecken Landes
würden dadurch der Kultur gegeben und in welch unberechenbarer
Weise könnte die Produktionsfähigkeit einer gegebenen Strecke
Landes gesteigert werden.“ „Wenn in einer Nation die Bevölkerung
höher steigt als die Produktion von Lebensmitteln, wenn die Kapitale
sich am Ende so anhäufen, daß sie in der Nation kein Unterkommen
mehr finden, wenn die Maschinen eine Menge Menschen außer Tätigkeit
setzen und die Fabrikate sich bis zum Übermaß anhäufen, so
ist dies nur ein Beweis, daß die Natur nicht haben will, daß Industrie,
Zivilisation, Reichtum und Macht einer einzigen Nation ausschließlich
zuteil werden, daß ein großer Teil der kulturfähigen Erde nur von
Tieren bewohnt sei und daß der größte Teil des menschlichen Geschlechts
in Roheit, Unwissenheit und Armut versunken bleibe.“
Allerdings nähert sich List in diesem letzten Satze doch wieder
etwas den Lehren von Malthus; aber sein Verdienst liegt doch
darin, in konkreter Weise ihm gegenüber auf die gewaltigen Produktionsmöglichkeiten
hingewiesen zu haben, die zukünftig zu erwarten
sind. Er kann also von seinem Standpunkt aus mit einem
gewissen Recht die Tendenz der Malthus’schen Lehre als eine
beschränkte bezeichnen, wenngleich er ihren wesentlichen Kern nicht
erkannt hat. In einer späteren Schrift „Gewerbe und Bevölkerung“ ?)
ist List etwas skeptischer. Er hebt hier hervor, daß zwar nach
den Betrachtungen der letzten 50 Jahre die Volksvermehrung im
Verhältnis zur Vermehrung der Subsistenzmittel vor sich gegangen
‘) Fr. Lists kleinere Schriften, herausgegeben v. F, Lenz, 1926, S. 601ff. —
Auch bei Ch, Schüz, Grundsätze der Nationalökonomie, 1843, finden sich ähnliche
Anschauungen (S. 135 ff.). Er war auch einer der ersten, der in tiefgehender Weise
ron der Wechselwirkung zwischen Produktion und Bevölkerung gesprochen hat.