Full text: Bevölkerungslehre

7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 217. 
sei, „daß sie aber nur in denjenigen Volksklassen und Verhältnissen 
in bemerkbarer Weise stattfindet, bei welchen der frühen Errichtung 
eines Haushalts und der künftigen Versörgung der Kinder keine 
oder nur wenige Schwierigkeiten und Bedenklichkeiten entgegen- 
stehen“. Allerdings wird dadurch der Kern seiner Anschauungen, 
daß jeder Wirtschaftsstufe ein besonderer Grad von Bevölkerungs- 
kapazität zukomme und daß die Entwicklung immer zu Wirtschafts- 
stufen mit höherer Kapazität führe, nicht berührt. Er hat vor 
allem darauf hingewiesen, wie sehr die Bevölkerungskapazität mit 
gewerblicher Entwicklung ansteige: „Die produktiven Kräfte der 
Agrikultur sind über die ganze Oberfläche eines Landes zerstreut; 
in den Manufakturen dagegen sammeln und vereinigen sie Sich, 
häufen sich an einzelnen Punkten. und. diese Konföderation ‚und 
dieses Zusammenwirken münden in ein Wachstum der produk- 
tiven Kräfte, das eher in geometrischer als in arithmetischer Pro- 
gression zunimmt“ !). Freilich hat auch er gesehen, daß die Produktions- 
ieistungen eines Landes gewisse Grenzen haben und daß die Be- 
völkerung eines Landes darüber hinaus ansteigen kann. Schranken- 
loser Optimusmus liegt ihm durchaus fern. In diesem Falle schwebt 
ihm als Aushilfsmittel die Auswanderung vor, die er auch für die 
Macht des Staates und der Nation für förderlich hält?). Es handelt 
sich dabei für ihn um eine Auswanderung „aus dem Lande, wo die 
Arbeit wenig, der Boden aber viel Wert, in das Land, wo die Arbeit 
viel, der Boden aber wenig Wert hat“®). Jedenfalls steht List diesen 
ganzen Zusammenhängen wesentlich realistischer gegenüber als es 
die liberale Schule getan hatte. . Die Zusammenhänge zwischen Be- 
völkerung und Wirtschaft sind für ihn historisch bedingt und 
hängen von der Wirtschaftsstufe ab, die das Land erreicht hat. 
irgendwelche absolute Lösungen nach der günstigen oder ungünstigen 
Seite hin liegen ihm bei seiner Betrachtung durchaus fern. 
Hatte List mit diesen Darlegungen gewisse Ansätze weiter 
ausgebaut, die sich bereits bei Malthus finden, ohne daß dieser 
jedoch daraus die richtigen Folgerungen gezogen hätte, so war es 
E. Dühring, der diese Betrachtungsweise dem Bevölkerungsproblem 
gegenüber noch weiter vertieft hat. Er hat selbst die Leistungen 
von List auf diesem Gebiet rühmend hervorgehoben: „Eine der 
genialsten Ideen“, sagt er, „durch welche List den Grund zu einem 
') Werke, Akademie-Ausgabe 1927, Bd. 4, S. 372. 
?) Die Ackerverfassung, die Zwergwirtschaft u. d, Auswanderung. Kleinere 
Schriften, a. a, O., S. 459. 
3) Die Ackerverfassung, a, a, O., S. 514,
	        
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