Full text : Bevölkerungslehre

4: Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 99
18. Jahrhunderts ab, gelungen sei, die Zahl der. Arbeitskräfte über
den durch die Bevölkerungszunahme geschaffenen Spielraum
hinaus zu vermehren!). Im Zusammenhang mit dieser Entwicklung
 hat auch dieses Zeitalter den Versuch gemacht, brachliegende
 Arbeitskräfte zu verwerten. Es waren das Bestrebungen,
die z. T. schon früher eingesetzt hatten. Die Einführung von Arbeitszwang
 und die Schaffung von Arbeits- und Waisenhäusern sollte
diesem Ziele dienen.
So ist also das 18. Jahrhundert eine Zeit steigender Ergiebigkeit
der Wirtschaft und steigenden Nahrungsspielraumes. Freilich war
das nicht allgemein und ohne Unterbrechungen der Fall. Wir hören
immer wieder von Mißernten und Viehseuchen. In den Jahren
1775—77 gingen in sechs preußischen Gebietsteilen 118000 Stück
Hornvieh an einer Seuche zugrunde ?). Was wir aus dieser Zeit
noch von Armut und Elend hören, ist trotz dieser Fortschritte noch
ganz beträchtlich. Denn trotz aller Fortschritte war die Landwirtschaft,
 an heutigen Maßstäben gemessen, noch in einem kümmerlichen
 Zustand. „Mit der Liebe zur Ordnung und zur Landwirtschaft,
die Dich beherrscht“, so schreibt der Freiherr vom Stein im
Jahre 1781 an seine Mutter, „würdest Du nicht befriedigt sein von
einem Lande, wo Unwissenheit, Mangel an Arbeitskräften und Trägheit
 bewirken, daß die Landwirtschaft ganz und gar vernachlässigt
wird“%). Hier in Westpreußen, auf das sich diese Worte beziehen,
wurden die Äcker nur alle 12, ja in fruchtbaren Jahren nur alle
20 Jahre gedüngt. So viel auch vor allem in der zweiten Hälfte
des 18. Jahrhunderts von oben her zur Hebung der Landwirtschaft
geschah, so dürfen wir uns, besonders bei der bäuerlichen Bevölkerung,
die Erfolge nicht allzu groß vorstellen *). Schlimm lagen die Verhältnisse
 hauptsächlich dort, wo infolge der Erbteilung die Güter
immer kleiner wurden. Von Baden berichtet Ludwig: „Dieweil
daher das Land alle Symptome von Übervölkerung aufwies, und ein
armseliges Bauernproletariat mühsam um seine Existenz rang oder
bisweilen in Scharen der Heimat den Rücken wandte, die lauten
Klagen über Mangel an tauglichen Arbeitskräften“?)! In Gebieten
mit so agrartem Charakter und einer so zahlreichen bäuerlichen Bevölkerung,
 wie sie damals die Markgrafschaft Baden hatte, hing die

1) Kapitalismus, a. a, O., S. 1060.
?) Behre, a. a. O,, S. 293.
3) M. Lehmann, Freiherr v. Stein, ı. Teil, 1902, S. 41, 42.
*) Naude, Getreidehandelspolitik, Bd. 3, 1910, S. 41.
}) Th. Ludwig, Der Badische Bauer im 18. Jahrhundert, 1896, S. 94.
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