4. Kap, Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 7101
gekannt. In Bayern begegnen wir schon in der ersten Hälfte des
17. Jahrhunderts Bestrebungen, die auf eine Beschränkung des Volkswachstums
hinwirken *). Im 18. Jahrhundert treffen wir in Österreich
ähnliche Maßnahmen an. In Wien wurde im Jahre 1757 den Gesellen
nur dann die Heirat gestattet, wenn zuvor der Magistrat nach
Vernehmung der Zunftvorsteher und nach Prüfung der Einkommensverhältnisse
dem Kandidaten seine Einwilligung erteilt hatte ?). Auch
in Preußen begegnen wir in dieser Zeit Anschauungen, die zeigen,
daß man dem Volkswachstum etwas skeptisch gegenüberstand, wenn
auch nur demjenigen in der Hauptstadt. Behre®) hat eine Kabinettsordre
des Königs aus dem Jahre 1798 veröffentlicht in der es von
Berlin heißt: „Von einer fortschreitenden Zunahme der Bevölkerung
aber besorge ich die nachteiligsten Folgen“. Ein Berliner Stadtarzt
hatte in der gleichen Zeit angenommen, daß sich in Berlin dauernd
8000 ganz entbehrliche Menschen aufhalten. Es lagen also auch in
Deutschland die Verhältnisse keineswegs gleichartig. Die natürlichen
Voraussetzungen eines bestimmten Gebietes, seine ganze wirtschaftliche
Struktur und Agrarverfassung mußten auf das Verhältnis von
Bevölkerung und Wirtschaft einen starken Einfluß ausüben. Welche
Bedeutung dafür die Art der Agrarverfassung und damit gesellschaftliche
Faktoren hatten, erkennt man an den gleichzeitigen
Verhältnissen in Frankreich, wo man auf dem Lande trotz
einer gewissen Entvölkerung, bei der bäuerlichen Bevölkerung
immer wieder temporäre Übervölkerungserscheinungen feststellen
konnte %).
In dieser Periode hören wir auch allenthalben in Deutschland
von einer Erscheinung, die damals als bedrohlich für die weitere
Entwicklung des Nahrungsspielraumes aufgefaßt wurde. Man hat in
neuerer Zeit schon öfters die Frage aufgeworfen, auf wie lange Zeit
hinaus noch. die Kohlenvorräte der Erde oder einzelner Länder
für den menschlichen Bedarf ausreichen. Denn daß von diesen Vorräten
— von den Zukunftsaussichten der weißen Kohle abgesehen —
im Zeitalter der industriellen Entwicklung die Ausweitung des
Nahrungsspielraumes in hohem Maße abhängt, ist schon oft dar-')
H. Platzer, Geschichte d. ländl. Arbeitsverhältnisse in Bayern. Altbayrische
Forschungen, Bd. 2/3, 1904, S. ı60ff,
?) K. Pribram, Geschichte d. österreichischen Gewerbepolitik von 1740—1860,
1907, S. 591.
3 a, a. O., S. 205.
*) S. dazu F, Wolters, Studien über Agrarzustände u. Agrarprobleme in Frankreich
von 1700—1790, 1905,