Religiöse Bewegung; Luther. 231
Kurz vor Ostern des Jahres 1512 war Luther von Rom
zurückgekommen. Und noch einmal griff Staupitz, bestimmen—
der als bisher, in fein Leben ein. Er veranlaßte ihn, das
Doktorat der Theologie zu erwerben, sehr gegen seinen ur—
sprünglichen Willen; noch viele Jahre später hat Luther, nicht
ohne gelegentliches Seufzen, den Birnbaum im Hofe des
Wittenberger Augustinerklosters gezeigt, unter dem ihm der
schwere Entschluß entrungen ward. Nachdem er aber die
Würde erhalten hatte, widmete er sich alsbald mit heißem
Eifer der damit auf ihn übergegangenen Pflicht der Aus—
legung der h. Schrift.
Und hier wurden seine inneren Erfahrungen zum erstenmal
nach außen wirksam. Er sah ab von der bisher für exegetische
Vorlesungen üblichen Methode; er hielt sich nicht an die Kom—
mentare der Väter und Scholastiker; an den Quell selbst führte
er die durstigen Schüler. So las er in den kommenden
Jahren, wenn auch noch auf Grund des Tertes der Vulgata
und wenn auch teilweis noch mit allegorischer Interpretation,
üͤber die Psalmen, über den Römer- und Galaterbrief, über die
Briefe an die Hebräer und an Titus. Es war eine Anderung,
die Luther allein schon einen nie zu erschütternden Ehrenplatz
in der Geschichte der Wissenschaften sichern würde. Aber weit
wichtiger waren die Folgen für den inneren Ausbau seiner
religiösen Überzeugungen. Indem er sich jetzt berufsmäßig,
allseitig, unter Mitteilung an andere, mit der Erklärung der
Bibel aus dem Kern seiner religiösen Errungenschaften her⸗
aus beschäftigte, mußte er diese selbst klären und erweitern.
Bei dieser Arbeit, beim Einheimsen der großen Ernte eines
neuen, persönlichen und unmittelbaren Verständnisses der bib—
lischen Schriften war Luther nun im wesentlichen nur auf
—ADDD— fast
völlig ungestörtes Jahrfünft hindurch hingeben konnte, höchstens
durch geschäftliche Arbeiten im Interesse seines Ordens unter—
brochen. Als Stütze eigener Anschauungen trat ihm außer⸗
dem die Geistesarbeit zweier sehr verschiedener Perioden frü⸗
herer kirchlicher Entwicklung zur Seite, die der sich bilden—