Full text : Bevölkerungslehre

5. Kap. Wirtschaftliche und soziale Zustände am Ausgang des 18. Jahrh. 7161

Stelle schrieb er: „Tausend Millionen (Menschen) können sich ebenso
leicht alle 25 Jahre verdoppeln, wie tausend; aber die Nahrung für
die‘ größere Zahl ist keineswegs ebenso leicht zu gewinnen. Der
Mensch ist notwendig im Raume begrenzt. Wenn aber Acker zu
Acker gefügt wird, bis alles fruchtbare Land angebaut ist, muß
die jährliche Zunahme der Nahrungsmittel von der Verbesserung
des zuletzt angebauten Landes abhängen. Dies ist eine Quelle,
welche entsprechend der Natur des Bodens, statt reichlicher zu
fließen, immer mehr versiegen muß“ ?).
Die Lehren, wie sie Malthus aufgestellt hat, haben sich in
erster Linie gegen die damalige Armengesetzgebung Englands, die
in gewissem Sinne sogar ein Recht auf Existenz anerkannte, ge.
wandt. England hat in dieser Zeit ein solches Recht gekannt, das
auf naturrechtliche Ideen von Locke zurückging. Noch W. Pitt
hat in einer Bill vom Jahre 1796 dieses Recht der Armen auf Unterhalt
 auszubauen versucht. In der Zeit des Merkantilismus hatte man
in England vor allem die Ansicht vertreten, daß die Armut aus der
Arbeit hervorgehe, ihre unvermeidliche Begleiterscheinung sei. Von
den Äußerungen Pettys darüber hat Kostanecki gesagt: „Man
kann den Gedanken, daß die Arbeit die Armut veranlasse, nicht
bestimmter gestalten, als wenn man sagt, daß jene Arbeit programmmäßig
 —— also insofern wieder notwendig — ein Minus an Löhnen
involviere und daß, um dieses Minus zu decken, sich als einzig gangbarer
 Weg — also insofern wieder notwendig — die Armenpflege
darbiete“?). Paley z. B. hat noch gemeint: „Daß es eine Sstillschweigende
 Voraussetzung bei der Errichtung des Eigentums gewesen
 sei, daß diejenigen, welche in der Zukunft Not leiden würden,
weil sie ihren ursprünglichen Anteil an dem gemeinsamen Schatze
aufgegeben hätten, der freiwilligen Güte derjenigen überlassen sein
sollten, die mit dieser Not bekannt und zur Hilfe fähig seien“ ®).
Dieser ganzen Anschauung nach war die Armut also lediglich eine
Folge der vorhandenen Vermögens- und Einkommensverteilung.
Demgegenüber hat Malthus die Armut als reines Produktionsproblem
 aufgefaßt und sie damit in enge Beziehung zum Volkswachstum
 bringen können. Freilich war er auch darin nicht ganz
originell gewesen. Im Jahre 1786 hatte ]J. Towsend bereits in

1) Übersetzung von Stöpel, 1879, S. 6.
2 A Kostanecki, Armut und Armut, 1909, S. 68.
3) W. Paley, The principles of moral and political philosophy, zit, nach d.
21. Aufl., 1818, Bd. 1, S. 243.
Diehl-Mombert, Grundrisse. Bd. 15.
            
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