Full text : Bevölkerungslehre

6. Kap. Wirtschaft und Bevölkerung v. Beginn d. 19. Jahrh. bis z. Gegenwart 173

Kriege hinzu, Nachwirkungen, die man heute noch keineswegs in
ihrer vollen Bedeutung erkannt hat. Auch in ihrem Gefolge waren
— um einen Ausdruck aus den ökonomischen Nachwirkungen des
Weltkrieges zu gebrauchen — tief in das Wirtschaftsleben eindringende
 strukturelle Veränderungen eingetreten, auch damals
hatten gewaltige Verluste an Kapital und Menschen stattgefunden,
Verluste, die erst nach vielen Jahrzehnten überwunden werden konnten.
Ein zeitgenössischer Schriftsteller schreibt darüber: „Europa glich
während der 23 Kriegsjahre, die der gegenwärtigen Periode vorausgingen,
 einem Verschwender, der nicht nur sein Einkommen verzehrt,
 sondern der sein Kapitalvermögen angreift, und an Wucherer
seine unbewegliche Habe verpfändet“!), Der gleiche Schriftsteller
spricht weiter davon, daß man die Quellen des Wohlstandes selbst
zur Deckung der Kriegskosten angreifen, den Baum fällen mußte,
um seine Früchte zu pflücken. „Allein nicht nur der Wert des
Grundeigentums ist verzehrt worden“, so führt . er weiter aus,
„sondern auch die in den Gewerben angelegten Kapitalien sind
spurlos verschwunden“. Der hessisch-darmstädtische Staatsminister
du Thil, der jene Jahre miterlebt hat, schrieb darüber: „Die
Wunden, die Deutschland geschlagen worden sind, sind namenlos
und wenn nicht die ganze Nation zur Bettlerin ward, so zeigt das
nur, weicher solide Wohlstand ehedem geherrscht haben muß,
weich große innere Hilfsmittel die Länder besitzen mußten und
welche Betriebsamkeit den Privaten beiwohnte, um solche Scharten
einigermaßen wieder auszuwetzen, Dennoch sind die Folgen heute
(1852—57) noch fühlbar“%. K. H. Rau hat damals diese Zustände
mit den folgenden Worten beschrieben: „Viele Hauswesen, die bisher
 dem Mittelstand angehörend, behaglich in manchen Genüssen
lebten, finden sich nun auf das Nötigste beschränkt. Der Verbrauch
einer Menge von Gütern hat sich sehr vermindert, Entbehrung, die
strengste Erzieherin, ist zur Herrschaft gekommen. Der Luxus der
teicher Gewordenen konnte diese Abnahme der Verzehrung nicht
ersetzen, weil er nicht auf die nämlichen Gegenstände fiel“ 3). Mit
2 L. F. v. Meseritz, Über d. gegenwärtige Volksnot in Deutschland. 1822,
S. 11.
2) Denkwürdigkeiten aus d. Dienstleben d. hessisch-darmstädtischen Staatsministers
 Freiherrn du Thil, 1921, S. 127.
3) Malthus u. Say, Über die Ursachen d. jetzigen Handelsstockung. Mit
einem Anhange von K. H. Rau, 1821, S. 278. — Vgl. zu diesen Fragen ferner
C. O. Trieb, Wirtschaft u. Bevölkerung in Deutschland während d, ersten Hälfte d.
19. Jahrhunderts. In ihren Wechselwirkungen dargestellt an Württemberg, Sachsen u.
dA. Provinz Preußen. Diss., Gießen 1925. — Reiches Material für diese Frage bietet
            
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