74
Erster geschichtlicher Teil
diesen Nachwirkungen der Kriegsjahre hing es also in besonders
hohem Maße zusammen, daß wir vor allem auch in Deutschland
in diesen Jahrzehnten eine so ungünstige wirtschaftliche Lage vorfinden.
In England hatte unter den Einwirkungen der Kontinentalsperre
der Getreidebau gewaltig zugenommen; als diese nun in
Fortfall kam, begann man die englische Landwirtschaft vor der
fremden Konkurrenz durch hohe Einfuhrzölle zu schützen. Darunter
litt hauptsächlich auch die preußische Landwirtschaft, die auf die Ausfuhr
nach England angewiesen war. Ein Bericht aus dieser Zeit besagt für
Preußen: „Verschwunden sind seit Jahren die Spekulanten in Getreide,
welche ehemals die größten Quantitäten zur Ausfuhr nach dem Auslande
oder zur Aufschüttung für die Zeit höherer Preise zusammenkauften.
Nach den Aussichten, welche der Stand der Preise und der flaue
Gang des Getreidehandels in allen Gegenden des nahen und fernen
Auslandes darbieten, wagt niemand mehr die geringste Summe
Geldes dem Getreidehandel zu widmen“!). Es kam noch hinzu,
daß auf die Teuerungsjahre 1817 ‚und 1818 in dem nächsten Jahrzehnt
ausgezeichnete Ernten folgten, die einen solchen Preissturz
für Getreide zur Folge hatten, daß damals in Norddeutschland eine
schwere Agrarkrisis eintrat; von ihr mußte natürlich auch Gewerbe
und Handel in ihrem Absatz ungünstig beeinflußt werden. Diese
Agrarkrise hat 10 Jahre gedauert. „Die Krise ging vom Land
auf die Städte über. Der Groß- und Kleinhandel war gelähmt.
Bankerotte der Kaufleute, Ausfall der Hypothekenzinsen und Kapitale
städtischer Gläubiger, Unsicherheit des Geschäftes wurden die allgemeine
Klage. Wo der Großbetrieb aussetzte, oder die Steuerexekution
die Bauern austrieb, gab es Arbeitslose, die in den Städten
als Bettler vagabundierten, Die neuen Landbesitzer, die, um ihre
Forderungen zu retten, die Güter übernommen hatten, konnten
den Arbeitslosen keine fortdauernde Beschäftigung geben, da sie
bald wieder anderen Besitzern Platz machen mußten“ 2).
Gewerbe und Handel waren in dieser Zeit in Deutschland noch
zu wenig ausgebildet, ihre Lage war auch selbst zu wenig günstig,
als daß sie.imstande gewesen wären, denjenigen, die in der Landauch
Fr. Neumann, Zur Lehre v. d. Lohugesetzen, Jahrb, f. Nat. u. Stat, 3. F.,
Bd. 4 u. 5 u. J. Rudhardt, Über d. Zustand d. Königreichs Bayern, 1825.
') Zit. nach A. Ucke, Die Agrarkrisis in Preußen während d. zwanziger Jahre
dieses Jahrhunderts, 1838, S. 33.
?) Sartorius v. Waltershausen, Deutsche Wirtschaftsgeschichte, 1815—1914,
1920, S. 40.