Full text : Bevölkerungslehre

6. Kap. Wirtschaft und Bevölkerung v. Beginn d. 19. Jahrh. bis z. Gegenwart
p g g 175

wirtschaft nicht mehr ihr Fortkommen fanden, in dem Ausmaße
Arbeitsgelegenheit zu gewähren, wie es einige Menschenalter später
bei uns der Fall war. Es bedarf an dieser Stelle keines besonderen
Hinweises, daß auch die innerpolitischen Zustände in Deutschland,
vor allem die klägliche Vielstaaterei, jeden stärkeren Aufschwung von
Gewerbe und Handel verhindern mußten. Es sei nur auf das genannte
 Buch von Meseritz oder auf die bekannten Schriften von
Nebenius und F. List verwiesen.
Zweierlei Folgen ergeben sich aus dieser Lage. Wir hören
einmal in ‘dieser Zeit von einer starken Zunahme der Auswanderung
 aus Deutschland. Sie war besonders groß in den Jahren
1816/17, sie nahm dann ab, um von den dreißiger Jahren ab wieder erheblich
 zuzunehmen. Es war eine Auswanderung, die aus ausgesprochener
 Not heraus erfolgte. Bekannt ist, daß gerade diese Auswanderung
 aufFr. List in seinen jüngeren Jahren einen überaus großen
Eindruck gemacht hat, als er als württembergischer Beamter bei einigen
hundert Württembergern, die auswandern wollten, den Grund der
Auswanderung festzustellen hatte und es sich ergab, daß dafür nicht
allein die Not in Frage kam, sondern auch — um mit List zu
sprechen — „der jahrelang erduldete Druck der Bürokratie, die Willkür
 und der Polizeigeist, der im Lande herrsche und Bürger und
Bauern mißhandle“!). Die Auswanderung aus Deutschland hat
in den folgenden Jahrzehnten etwa betragen

1820—29 49 600
1830—309 210 200
1840-—49 599 019

Eine weitere Folge der ungünstigen Verhältnisse damals war,
daß der ländliche Geburtenüberschuß in Gewerbe und Handel nur
schwer unterkommen konnte und daß damit die bäuerlichen Besitzungen
 immer mehr zersplittert werden mußten. Hören wir auch
darüber wieder Fr. List: „Je größer num die Summe der dem
Lande zur Verzehrung übrig bleibenden Produkte ist, desto mehr
wirkt sie auf die Vermehrung der ländlichen Bevölkerung und weil
dieser Bevölkerungszuwachs in der Industrie kein Unterkommen
findet, bleibt ihm keine andere Wahl, als da sein Fortkommen zu
suchen, wo er entstanden ist. Die Mittel, es zu finden, heißen:
weitere Güterzerstückelung weitere Entbehrung aller teuren Fabrikate
and aller Kolonialprodukte; Selbstverfertigung des Unentbehrlichsten
und Notdürftigsten: weitere Entbehrung aller kräftigen und kost-!)

 K. Goeser, Der junge F. List, 1914, S. 36.
            
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