7- Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 197
Ursache periodischen Elends hat in den meisten Ländern bestanden,
solange wir die Geschichte des Menschengeschlechts zurückverfolgen
können und besteht noch heutigen Tages“ ?).
Oppenheimer hat demnach vollkommen recht, wenn er
hervorgehoben hat, es könne kein Zweifel darüber bestehen, „daß
Malthus sein Bevölkerungsgesetz nicht als solches aufgefaßt haben
wollte, welches in irgendeiner nahen oder fernen Zukunft in Wirksamkeit
treten würde, sondern als ein solches, welches das soziale
Zusammenleben der Menschheit auf jeder ihrer Stufen beherrscht
und beherrschen wird; daß es sich nicht um eine historische Kategotie,
sondern um ein immanentes soziales Gesetz handelt oder noch
besser, um jedes Mißverständnis auszuschließen, um ein Naturgesetz“ ?).
Wenn Malthus davon spricht, daß die Volkszahl die Tendenz habe,
über die Menge der vorhandenen Lebensmittel hinauszuwachsen, so
meint er damit nicht, daß beide Größen sich in einer Richtung entwickeln,
daß dieses Mißverhältnis in einer mehr oder weniger fernen
Zukunft einmal eintreten würde, sondern er gebraucht das Wort
„Tendenz“ in dem Sinne, daß er damit eine dauernd wirksame
Kraft bezeichnet und ‚hiermit die Tatsache ausdrückt, daß die Volkszahl
dauernd bestrebt ist, über die Menge der vorhandenen
Nahrungsmittel hinauszuwachsen.
Freilich finden sich auch Stellen bei Malthus, der bekanntlich
nichts weniger als ein scharfer Denker war, die mit dieser Auffassung
in Widerspruch stehen. Das gilt nicht nur von seinem
„Bevölkerungsgesetz“, sondern auch von seinen anderen Schriften.
In seinen „Grundsätzen der politischen Ükonomie“ wies er einmal
darauf hin, daß in der Zeit von 1720—1750 die Weizenpreise ge-‘allen
und die Löhne gestiegen seien,. ohne daß eine Volksvermehrung
stattgefunden hätte: „Diese große Zunahme der Fähigkeit, das Hauptnahrungsmittel
zu kaufen, führte trotzdem nicht zu einer entsprechenden
Volksvermehrung. Die. englische Bevölkerung lebte damals
unter einer guten Regierung und genoß alle Segnungen der bürgerlichen
und politischen Freiheit in ungewöhnlichem Maße. Die niederen
Volksschichten sahen sich sowohl von den Gesetzen geschützt, als
von den höheren Klassen geachtet und hatten daher gelernt, sich
selbst zu achten. Die Folge davon war, daß der erhöhte Getreidelohn,
anstatt ausschließlich eine Zunahme der Bevölkerung zu beı)
Malthus, a. a, O., S. 413.
? Oppenheimer, a. a, O,, 5. 8,