7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 201
konsequent, starke Anklänge an die Form des Bevölkerungsgesetzes
vorfinden, wie es Malthus vertreten hat. „So lange überhaupt ein
Mißverhältnis zwischen der Bevölkerungsbewegung und der fruchtbaren
Entwicklung der sozialen Produktion vorhanden ist oder immer
aufs Neue sich einstellt — so lange ist soziale Reform unmöglich,
so lange muß im Gesellschaftsverein ein Vernichtungskampf zwischen
den Menschen, ähnlich demjenigen im Naturverein zwischen den
Tieren und den Pflanzen geführt werden . . .“*).
Derjenige deutsche Schriftsteller, der in dieser Zeit in bevölkerungst*heoretischer
Hinsicht in Deutschland den stärksten Einfluß ausgeübt
hat, war G. Rümelin. In seinem einflußreichen Aufsatz „Über die
Malthus’schen Lehren“?) hat er von den Sätzen von Malthus gesagt,
sie seien „ebenso anfechtbar in ihrer statistischen und psychologischen
Begründung im Einzelnen, als unumstößlich und von einleuchtendster
Wahrheit im Ganzen“. Das wesentlichste Verdienst
dieser Arbeit besteht in dem Nachweis, daß Malthus einem statistischen
Irrtum zum Opfer gefallen ist, als er die Verdoppelungsperiode
einer Volkszahl mit 25 Jahren angenommen hat. Rümelin
hat durchaus gesehen, was Malthus gewollt hat. Hat er doch von
dessen Lehre gesagt: „daß die Gesellschaft die Tendenz habe, jede
Steigerung ihrer wirtschaftlichen Mittel mit einer entsprechenden
Vermehrung der Bevölkerung zu begleiten“. Rümelin hat jedoch
nicht gesehen, daß es etwas ganz anderes bedeutet, wenn er selbst
meinte, daß auch bei dem mäßigen Jahreszuwachs von 1% die
Volkszahl Deutschlands in zwei Jahrhunderten so sehr anwachsen
werde, daß damit ganz unmögliche Verhältnisse entstehen müßten.
In einer anderen Abhandlung „Zur Übervölkerungsfrage“?) die in
den Jahren 1878—81 erschienen ist, steht Rümelin durchaus unter
dem Einfluß der ungünstigen wirtschaftlichen Lage in Deutschland,
die damals vornehmlich als Folge der großen Wirtschaftskrise herrschte,
Zuständen, von denen oben bereits die Rede gewesen ist. „Ich
habe“, so sagt er, „die Überzeugung, daß Deutschland sich in diesem
Stadium der Übervölkerung befindet, daß es keine schwerer wiegende,
in-alle politischen und sozialen Verhältnisse der Gegenwart und Zukunft
eingreifende Tatsache gibt, daß fast alle Klagen und Bestrebungen,
die uns jetzt beschäftigen, ein ganz anderes Aussehen gewinnen,
wenn sie unter diesen Gesichtspunkt gestellt werden“. Rümelin
geht von dem damaligen Darniederliegen der deutschen
1) A. Schäffle, Kapitalismus u. Sozialismus, 1870, S. 706.
2).„Reden und Aufsätze“, 1875.
3} „Reden und Aufsätze“, N. F., 1881.