218
Erster geschichtlicher Teil
Verständnis der natürlichen Wirtschaftspolitik gelegt hat, ist diejenige,
welche wir als das Gesetz der Bevölkerungskapazität entwickeln
wollten. Dieser glänzende Gedanke, welcher unvergleichlich
weiter trägt, als alle Bemühungen malthusianischer Art, läßt sich
sehr einfach ausdrücken. Jeder Wirtschaftszustand hat eine bestimmte
Fassungskraft für die Bevölkerung. Geht er in eine höhere Form
über, so wird diese Fassungskraft gesteigert“ !).
In seinen eigenen, positiven Darlegungen darüber geht auch
Dühring von der Lehre von den produktiven Kräften aus: „Die
Vermehrung der Bevölkerung ist eine Steigerung der produktiven
Kräfte. Dieser Satz gilt allgemein, und nur die besondere Voraussetzung,
daß die Unzulänglichkeit der natürlichen Hilfsquellen die
Menschenarbeit unproduktiv werden läßt, kann zu Einschränkungen
desselben .durch andere, neben ihm bestehende und ihn kreuzende
Gesetze führen“?). Dühring sieht jedoch zunächst von dieser
möglichen, aber doch ungemein wichtigen Einschränkung ab und
kommt so — wohl unter dem Einfluß von Carey — zu dem Ergebnis,
daß bei einem Wachsen der Menschenzahl die Bedürfnisse
aur summiert, aber die produktiven Kräfte durch die gegenseitige
Unterstützung der Menschen weit mehr gesteigert werden. Er spricht
hier von einem Grundgesetz, das die Tendenz habe, „die Lage der
Bevölkerung in dem Grade zu verbessern, als die Dichtigkeit derselben
eine größere Kraftentfaltung gestattet“. Die organisatorische
Kraft ist auch für Dühring die Hauptwirkung steigender Volkszahl.
Das tritt besonders deutlich dann hervor, wenn es sich um
den Übergang zu einer volkswirtschaftlichen Verbesserung handelt;
denn die Ausdehnung der Bevölkerungskapazität stößt innerhalb
einer bestimmten wirtschaftlichen Verfassung trotz noch so großer
Fortschritte der Technik auf bestimmte Grenzen und dann ist eine
Erweiterung der Kapazität nur möglich, wenn die volkswirtschaftliche
Verfassung selbst wieder in eine neue Form überführt wird.
„Unsere Idee besteht also darin, daß eine jede ökonomische Verfassungsart
eine gewisse Fassungskraft für Bevölkerung mit sich
bringe, und daß diese Bevölkerungskapazität nicht erheblich erweitert
werden könne, ohne-die wirtschaftliche Verfassung selbst in eine
neue Form zu überführen“. „Die wirtschaftliche und soziale Verlassung
wird wie ein System von Kanälen zu betrachten sein, gegen
deren Wandungen das elastische Medium der Bevölkerung ernstlich
l) E. Dühring, Kritische Geschichte d. Nationalökonomie u. d. Sozialismus,
3. Aufl., 1879, S. 353/54.
2) Kursus d. National- und Sozialökonomie, 3. Aufl., 1892, S. 98/99,